11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Mitten in der Großstadt setzt eine Unbekannte Rosen und sät Blumen.

Hamburg ist eine große Stadt. Häuser, Straßen und noch mehr Straßen. Es gibt graue Steine und dunkelgraue Steine. Manche gehen auch ins Fliederfarbene. Ein endlos gemauertes Meer. Wer genau hinschaut, entdeckt Inseln. Und Robinson Crusoe.Er ist weiblich. Und nicht im eigentlichen Sinn gestrandet. Wo Robinson sein Eiland urban machte, holt diese Frau das Grün in die Stadt zurück. Er baute Hütten, sie sät Margeriten. Mit Hacke und Spaten rückt die Unbekannte der festgetrampelten Erde zu Leibe, gräbt selbst ernannte Hundeklos um. Sie pflanzt Rosenbüsche an tristes Mauerwerk. Stiefmütterchen auf Verkehrsinseln, Cosmeen unter Einbahnstraßenschilder. Niemand hat sie damit beauftragt. Sie bekommt kein Geld dafür. Möglicherweise darf man gar nicht so mir nichts, dir nichts Blumen pflanzen. Es gibt sicher Verordnungen. Ein Apfelbäumchen inmitten einer vierspurigen Straßenkreuzung wurde entfernt. Äpfel stören die Sicht. Ich kenne die Frau nicht, ich weiß nicht mal ihren Namen. Sie muss so um die sechzig sein, hat silbergraues Haar und Grübchen. Einmal habe ich sie angesprochen. Weil sie nicht besonders reich ist, erzählte sie, geht sie in Garten- und Baumärkte und bettelt ein bisschen. Man muss manchmal dreist sein, lachte sie. Und eine Vision braucht man auch. Die Stadt soll blühen. Dann bekommt sie Tulpen oder Anemonen oder Vergissmeinnicht, was gerade da ist. Natürlich könnte sie sich genauso gut einen Schrebergarten am Stadtrand suchen, da würde niemand durch die Rabatten trampeln, und kein Coffee-to-go-Becher würde sich langsam im Regen auflösen. Ein kleines Paradies im Grünen, wo sie stets ein schattiges Plätzchen für ihre Liege fände. Aber dazu sind wir doch nicht auf der Welt.

Wir sind raus aus dem Paradies. Das Leben findet jenseits der Mauer statt. Bebaut! Bewahrt! Das ist der Auftrag. Macht die Erde schön! Sieben Milliarden Menschen können nicht in malerischen Bauernkaten draußen auf dem Land leben. Das aber ist noch lange kein Grund, sich in der Tristesse einzurichten und auf GraffitisprayerInnen, StraßenbauerInnen und StädteplanerInnen zu schimpfen. Hinter dem Zaun ist der Rasen immer grüner. Höchste Zeit, auf der eigenen Seite aufzuräumen!

Die Blumenfrau ist nicht allein. In der Nachbarschaft hat jemand Kohlsprösslinge gepflanzt. Minze wuchert auf dem Seitenstreifen. Irgendwer hat drei leuchtend bunte Vogelhäuschen an die Ampelanlage gehängt. Wahrscheinlich wird dort keine Meise ihr Quartier aufschlagen. Aber willkommen wäre sie! Sogar ein Bienenvolk gibt es in meinem Viertel. Ihre Hinterteile lugen morgens auf meinem Balkon aus den Glockenblumenköpfen. Aber das ist nur die Vorspeise. Seit ein paar Wochen trage ich Ringelblumensamen in der Tasche. Ein Fleckchen Erde findet sich immer …

 

Mach's wie Gott

Mach die Erde schöner. Säe Ringelblumen oder Sonnenblumen. Auch Kürbisse sind eine Augenweide – und robust obendrein. Such die hässlichsten Plätze in deiner Umgebung und mach sie grün. Das geht nicht nur in der Großstadt. Graue Ecken gibt es überall. „Und wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Also los!

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 4/2012 – von Susanne Niemeyer