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Was Müllmänner möglicherweise mit Gott zu tun haben.

Als ich letztens Gott traf, fragte ich, was er macht. „Ich bin die Müllabfuhr“, sagte er, und das ließ mich erstaunt aufblicken. Damit hatte ich nicht gerechnet. „Wieso“, fragte Gott, „was hast du dir denn vorgestellt?“ Ich überlegte einen Moment. „Ich dachte eben, du seist König. Oder Arzt, das ginge auch noch. Von mir aus auch Mutter, damit hat man ja mitunter genug zu tun.“

Ich wollte es nicht so recht sagen, aber bei der Müllabfuhr zu sein, das ist ja eigentlich kein schöner Beruf. Man räumt den Dreck anderer Leute weg, und meistens stinkt es. Besonders, wenn der Müll schon alt ist. Eine unappetitliche Sache alles in allem.
Gott zuckte mit den Schultern. „Einer muss es ja machen.“

Wenn ich eins nicht mag, dann ist es, den Müll rauszubringen. Auf der Skala unangenehmer Hausarbeiten rangiert das ganz oben, noch vor Staubsaugen oder Bettbeziehen. Obwohl es ja viel schneller geht. Ich weiß auch nicht, was mich daran so stört.

Als Kind stellte mich meine Oma mittwochmorgens auf die Fensterbank. Von dort konnte ich auf die Straße sehen. Ich wartete auf den Müllwagen. Wenn er endlich kam, stiegen die Männer in Orange aus und warfen mit mächtigem Schwung die stinkenden Säcke in den Lastwagenschlund. „Sei froh, dass es sie gibt“, sagte Oma. „Wir würden sonst im Dreck ersticken.“ Ich war froh und bewunderte sie. Sie waren stark. Bei Regen und Kälte fuhren sie durch die Stadt, und sie schienen sich vor nichts zu ekeln. Bevor sie weiterfuhren, winkten sie fröhlich zu mir hoch. Manchmal hatten sie einen Teddybären oder etwas anderes Gefundenes an ihren Wagen gebunden, etwas, das dem Müll entkommen war. Eine Perle im Dreck. Auch das gab es.

Jetzt stelle ich mir vor, dass einer von ihnen Gott war. Auf einmal scheint es mir gar nicht mehr sooo abwegig. Gott, der Dreckwegmacher. Einer muss es machen, denn wenn keiner es täte, dann bliebe ja unser ganzer Müll auf der Erde, und es stänke zum Himmel. Wenn nun Gott samstagabends an der Straße stünde. Bevor es Sonntag wird und eine neue Woche beginnt. Eine Woche, in die ich nicht den Müll der alten Woche hineinzunehmen brauchte. Eine Woche, die leicht und duftend anfängt, blank gewienert und aufgeräumt. Wenn Gott sagte: „Bring den Müll runter, nur her mit dem ganzen Dreck, dem Frust, dem Abfall, allem, was stinkt und was auf deiner Seele liegt und sie schwer macht. Ich kümmere mich darum.“ Und dann würde ich aufräumen, so wie ich auch einmal die Woche die Wohnung putze, putzte ich mein Inneres. Alles, was dort in den Ecken und Winkeln vor sich hin gärt, kehrte ich zusammen, ich leerte es in einen großen Sack, den ich dann zubände und an die Straße stellte. Und Gott käme, er käme ganz sicher in seiner leuchtend orangen Jacke, damit ihn jeder sehen kann, und nähme alles mit. Und ich stünde oben am Fenster und er winkte hinauf und ich winkte zurück.

 

So gehts's:

Miste einmal in der Woche aus. So wie du deine Küche putzt, putz deine Seele. Trenne dich von dem, was sie beschwert. Wirf weg, was zum Himmel stinkt. Manche nennen es Beichte. Bring den Müll raus. Gott wird sich darum kümmern.

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 3/2013 – von Susanne Niemeyer