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Gott wusste, was er tat, als der den Turm zu Babel zerstörte.

Als ich die vierzig deutlich überschritt, nämlich einundvierzig wurde, stellte ich fest, dass mein Leben nicht ganz so verlaufen war, wie ich mir das vorgestellt hatte. „Was hast du dir denn vorgestellt?“, fragte eine schlaue Stimme in mir, und da musste ich gleich zum ersten Mal passen. Ich wusste es nämlich nicht. Ich wusste nur: Ich habe kein Kind, Haus, Auto und einen Flachbildfernseher besitze ich auch nicht. Meine Fingernägel könnten gepflegter sein. „Willst du denn Kind, Haus, Auto, Flachbildfernseher und lackierte Nägel?“, fragte die Stimme.

Ich sagte: „Die anderen haben es“, und wusste natürlich sofort, dass das eine schlechte Antwort war. Sie hatte mich schon in Kindertagen disqualifiziert. „Weil Annette vom Dach springt, springst du auch vom Dach?“ Natürlich nicht. Aber das hält mich nicht davon ab, zu registrieren, dass Annettes Karriere steiler ist (oder – und hier lässt sich jede x-beliebige Sache einfügen – ihr Buggy teurer, die Kinder süßer, ihr Mann kommunikativer, ihre Blaubeertorte besser). Irgendwas gibt es immer. Das ist das Schlimme am Vergleichen. Es endet nie. Du bist einen Marathon gelaufen? Tja. Und was ist mit dem Ironman? Wahrscheinlich war das der eigentliche Grund, warum Gott den Babelturm zum Einsturz brachte. Er hatte keine Angst vor der Größe der Menschen (was soll ein läppischer Turm einem Allmächtigen anhaben?). Er fürchtete ihren Vergleich. Er ahnte, dass schon bald der Nächste kommen und sagen würde: Das kann ich aber höher. Und dann käme wieder der Nächste und dann wieder, bis die Welt voller sinnloser Türme wäre, deren Nutzen keiner kennt.

Also schnippte Gott den ersten Turm um und dachte, damit sei die Sache erledigt. Keine Türme, keine Vergleiche. Das war natürlich naiv. Er ahnte noch nichts von den Superstars und den „Next Topmodels“, von den Boots- oder Dschungelcamps der Zukunft. In denen Leute sich nicht nur selbst vergleichen, sondern auch noch anderen das Urteil überlassen.

Als wäre die wesentliche Frage im Leben: Bin ich schöner, schneller, schlauer, mutiger als du? Oder wenn schon nicht dies, dann wenigstens genauso schön, schnell, schlau oder mutig? Dabei ist die Frage einzig: Wer bin ich?

Gott hat eine verblüffend einfache Antwort parat: „Ich werde sein, der ich sein werde.“ Für den Alltag übersetze ich:

  1. Werde, die oder der du bist.
  2. Baue keine Türme, wenn dir gar nichts an Türmen liegt.
  3. Miss dich nicht mit anderen, denn irgendwer ist immer größer. Denk an die höchste Zahl der Welt. Und addiere eins dazu.
  4. Du brauchst keinen Flachbildfernseher und keine Brustvergrößerung. Lass dir das nicht einreden.
  5. Gott hat ein Herz für VerliererInnen: Die Ersten werden die Letzten sein. Du darfst trödeln, wenn du willst.

 

So geht's:

Henry David Thoreau: „Wenn einer nicht Schritt hält mit den anderen, rührt es daher, dass er auf einen anderen Trommler hört. Jeder richte seine Schritte nach der Musik, die er vernimmt, mag sie noch so gemessen und leise klingen.“ Hör auf deine Musik.

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 10/2013 – von Susanne Niemeyer