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Was wir von der „Generation Leben“ lernen können.
Oma ist 90. August ist ihr Schwager und 92. Ihre Schwester Alwine ist 96. Neulich hatte Oma Geburtstag. Der sollte so richtig gefeiert werden. August chauffierte die beiden Frauen zu einem Restaurant, in dem es keine Seniorenteller gibt. Den Zander mit karamellisierten Schwarzwurzeln fand Oma eine echte Entdeckung. Alwine beendete die Mahlzeit wie immer mit einem Schnaps. Seit sie die 95 überschritten hat, tritt sie ein wenig kürzer und lehnt das zweite Glas ab.

Einig sind sich aber alle drei, dass – Restaurantbesuch hin oder her – bei einem Geburtstag die Kaffeetafel nicht fehlen darf. Zu Hause natürlich, in der guten Stube. Die Torten werden selbstverständlich eigenhändig gebacken, zwar nicht mehr so viele wie früher, aber dafür hat sich ja auch die Runde im Laufe der Jahre gelichtet. Leider. Aber so ist es eben, das Leben. Die Kaffee-Hag-Phase hat Oma übrigens irgendwann in den 80ern wieder beendet. „So ein schönes Tässchen echter Kaffee dann und wann“, sagt sie, „das schadet doch nicht!“

Oma ist meine Heldin. Sie hat nie die Neugier wegen Altersschwäche eingestellt und auch das Leben nicht. Bei ihr lernte ich Müsli essen, als das noch Vogelnahrung für Ökos war. Später tauschten wir Tofurezepte, sie fand das eine schmackhafte Alternative zur Fleischwurst. Muffins spricht Oma zwar stur deutsch aus, verspeist sie aber mit Genuss. Als vor einigen Jahren Opa starb, trauerte sie, räumte die Wohnung auf, eroberte Opas Lesesessel und entdeckte den Seniorentreff ihrer Kirchengemeinde. Als ich sie letztens besuchte, stand sie da mit einem Hammer in der Hand und überlegte, auf welche Weise sie am besten ein weiteres Loch in ihre Riemchensandalen bekäme. Es sah abenteuerlich aus, aber gelang. Oma steht für mich für die „Generation Leben.“ Weil sie mir zeigt, dass man aus nichts eine Suppe kochen, einen Schmerz beiseitewischen, ein Loch stopfen, einen Krieg und eine gefallene Liebe überleben kann.

Eine Depression wäre für sie niemals eine Option, stattdessen würde sie die Gardinen waschen oder den Keller aufräumen. Oma ist die Meisterin des Pragmatismus. „Jeder Gang macht schlank“ und „Dreck reinigt den Magen“. Von ihr habe ich gelernt, dass man eigentlich jede Strecke zu Fuß gehen kann, wenn man sich nur genügend Zeit nimmt, und dass das ganze Gewese um übertriebene Hygiene irgendwie suspekt ist.

Oma hätte niemals ein Buch über Kindererziehung gelesen und trotzdem kannte sie die besten Spiele. Viele Möglichkeiten hat Oma nicht gehabt, aber sich darüber lange zu grämen, das wäre nicht ihre Sache. „Über verschüttete Milch zu weinen nützt nichts.“ Das Leben hat doch genügend Alternativen.

 

Mach's wie Oma:

Nimm das Leben, wie es kommt, und mach das Beste draus. Neugier und Pioniergeist sind deine Begleiter. „Wir brauchen nicht so fortzuleben, wie wir gestern gelebt haben. Macht euch nur von dieser Anschauung los, und tausend Möglichkeiten laden uns zu neuem Leben ein.“ (Christian Morgenstern) Entdecke die Möglichkeiten.

Erschienen in „Welt der Frau“ 1/2013 – von Susanne Niemeyer