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FÜR SICH UND SEINE ÜBERZEUGUNGEN EINSTEHEN – BRAUCHT EIN BISSCHEN MUT UND VORBILDER.

Der Kampfgeist und der Kleingeist treffen sich. „Und? Wie geht’s?“ „Wenn ich nur könnte, wie ich wollte …“, seufzt der Kleingeist. „Und selbst?“ „Wenn ich nur wollte, was ich kann“, antwortet der Kampfgeist, „dann wäre ich schon nicht mehr!“

Vor ein paar Tagen hörte ich im Radio von Jeanne d’Arc. Eine siebzehnjährige Bauerntochter, die nicht lesen und nicht schreiben kann. Ein Mädchen, das keine Ahnung vom Militärischen hat. Aber Jeanne behauptet, Stimmen von Gott zu hören, die ihr befohlen haben, die englischen Besatzer aus dem Land zu jagen. Weil sie an ihre Vision glaubt, gelingt ihr das Unmögliche. Sie erhält eine Rüstung, eine kleine Einheit, sie greift an und siegt.

Nun bin ich nicht so für’s Militärische. Aber wir sind alle Kinder unserer Zeit. Wäre ich im 15. Jahrhundert der langen und zähen Kriege aufgewachsen, hätte ich möglicherweise eine andere Haltung dazu. Heute jedenfalls muss ich nicht gleich in den Krieg ziehen, um zu meinen Überzeugungen zu stehen. Aber etwas öfter mal einer Vision zu trauen, das wäre schon was.

Der Kampfgeist ist ein Quälgeist. Weil er nicht lockerlässt. Weil er nicht zulässt, dass ich mich hinter fadenscheinigen Ausreden verstecke. Den Kleingeist stört das nicht. Er beschwichtigt: „Es bringt sowieso nichts. Dafür sind die PolitikerInnen/BankerInnen/Großeltern verantwortlich.“ Würde der Kleingeist die Welt regieren, hätte es kein Ende der Naziherrschaft, kein Ende der Apartheid, kein Christentum, kein Frauenwahlrecht, keine Reformation, keine Gedankenfreiheit gegeben.

Jeanne d’Arc ist am Ende doch auf dem Scheiterhaufen gelandet. In 12 von 67 Punkten wird sie schuldig gesprochen. Hauptanklagepunkt: Sie wollte sich dem Urteil der Kirche nicht unterwerfen, sondern bestand darauf, ohne Mittler direkten Kontakt mit Gott zu haben. Heute könnte man auch sagen: Sie bestand auf die Freiheit ihres Gewissens und ihres Glaubens. Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Von Jesus über Luther, die Geschwister Scholl, Aung San Suu Kyi und viele Namenlose hat sie über die Jahrhunderte eine Menge MitstreiterInnen. Ihr Prozess dauert drei Monate und sie will keinen Anwalt. Allein verteidigt sie sich gegenüber 60 theologisch Gelehrten und schlägt sich tapfer. Ein Zeitzeuge berichtet: „Welch wunderschönes Schauspiel! Eine Frau mit Männern, die Ungelehrte mit Gelehrten, die Einsame mit Vielen, die Geringste disputiert über das Höchste.“

So soll es sein! Ein bisschen öfter aufstehen, ohne zu fragen, ob es was bringt. Ein bisschen öfter den Mund aufmachen, auch wenn andere schlauer zu sein scheinen. Manchmal gegen Windmühlen antreten, die in Wahrheit Gier, Bequemlichkeit oder Ungerechtigkeit heißen. Und manchmal auch einfach Gottes Stimme trauen.
Einen kämpfenden Engel nannten ihre Mitstreiter Jeanne. Manchmal Engel sein. Manchmal kämpfen. Das wäre ja schon mal ein Anfang.

 

Mach's wie Jeanne d'Arc:

Sag dem Kleingeist Lebewohl und tritt für das ein, woran du glaubst. Fleischverzicht, Windkraft, fair gehandelte Lebensmittel, gerechte Löhne, Höflichkeit, Mitgefühl, Jute statt Plastik. Jeder Tropfen zählt. Steh dazu. Denn: „Es ist dir gesagt, was gut ist und was Gott von dir will: Gerechtigkeit tun, Freundlichkeit lieben und behutsam mitgehen mit deinem Gott.“
(Micha 6,8)

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 11/2012 – von Susanne Niemeyer