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Strenge Askese? Hildegard von Bingen war da ganz anderer Meinung.

Wer hat zum ersten Mal über den weiblichen Orgasmus geschrieben? Nein, Oswald Kolle war es nicht, und nein, auch nicht der Playboy. Es war eine Nonne. Sie lebte im tiefsten Mittelalter. Ihr Name: Hildegard von Bingen. Meistens wirbt sie heute für Dinkelkekse oder Getreidefastenkuren, harmlos lächelnd und mütterlich gerundet dargestellt. Dabei hat sie kein einziges Keksrezept hinterlassen.

Stattdessen schrieb sie im 12. Jahrhundert, als Lust vor allem als teuflisches Laster galt: „Ist die Frau in Vereinigung mit dem Manne, so kündet die Wärme in ihrem Gehirn, die das Lustgefühl in sich trägt, den Geschmack dieses Lustgefühls bei der Vereinigung vorher an, wie auch den Erguß des Samens. Fast gleichzeitig damit ziehen sich die Nieren der Frau zusammen und alle Teile, die während des Monatsflusses zur Öffnung bereit stehen, schließen sich so fest, wie wenn ein starker Mann irgendeinen Gegenstand in seiner Hand fest verschließt.“ Dies zu beschreiben war ebenso ungewöhnlich wie mutig.

Freimütig wie kaum ein anderer ihrer Zeitgenossen schrieb sie über Sexualität. Verglich die Leidenschaft mit dem Feuer von Vulkanen, das man nur schwer löschen könne. Und betrachtete dieses Feuer als gottgegeben. Trotzdem ging sie nicht als Ketzerin in der Geschichte unter, sondern wurde zu einer einflussreichen Visionärin. Sie war überzeugt, dass Körper und Seele von Gott geschaffen seien und die Lust dazu. Dabei dachte sie nicht nur an den Geschlechtsakt (was als Nonne ja auch schwierig gewesen wäre). Lust und Sinnenfreude waren für sie ein Lebensgefühl – und das in einer Zeit, in der es in Klöstern üblich war, sich zu geißeln und zu kasteien, um Gott zu gefallen. Gegner hatte sie nicht nur auf männlicher Seite, sondern auch auf weiblicher. Mitschwestern waren der Ansicht, dass das irdische Leben nun mal kein Zuckerschlecken zu sein habe. Genuss gebe es im Himmel. Wenn man ihn sich verdiente.

Davon hielt Hildegard nichts: „Gott will keine Opfer, sondern Barmherzigkeit“, soll sie gesagt haben. Jede Art von übertriebener Askese lehnte sie ab. Die Seele, glaubte sie, unterstütze das Fleisch und das Fleisch die Seele. Nur sei das Fleisch manchmal schwächer – und deshalb „kommt in einem solchen Falle auch die Seele dem fleischlichen Partner entgegen, indem sie ihm erlaubt, sich in irdischem Tun zu ergötzen“.

Hildegard lockerte die strengen Bestimmungen ihres Klosters, sonntags zogen die Schwestern im Festgewand zur Messe: „Geschmückt sind sie mit goldenen Fingerreifen und bodenlangen leuchtend weißen Seidenschleiern. Ihre Häupter krönen goldgewirkte Kränze, in die Kreuze und auf der Stirn ein Bild des Lamm Gottes eingeflochten sind.“ Natürlich rief auch das Argwohn hervor. Aber mal im Ernst: Warum sollten Gott trübselig dreinschauende Menschen besser gefallen?

 

Mach's wie Hildegard

Genieß die Sonne, das Lachen, den Nachbarn, die Liebste, die Beeren, das Freibad, Küsse, das Federbett, die Lust, Vanilleeis, Gott, die Pausen, die Nacktheit, den Mut, die Grillwürste, die Musik, den Himmel, dich selbst, das Sein, das Leben.

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 78/2012 – von Susanne Niemeyer