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„Fremde! Zu Weihnachten!“

Frau Schmolka würde gerne in Ruhe das Fest vorbereiten. Aber dann platzt Gott dazwischen.

Am Morgen des 24. klingelt Gott an der Tür von Frau Schmolka, die gerade im Begriff ist, Birnen in eine Pute zu stopfen.  „Das kommt mir aber ungelegen“, stöhnt sie deshalb, was eigentlich jeder verstehen muss, weil man am Heiligen Morgen niemanden mehr besucht. Gott scheint das nicht zu wissen. Er tritt ein und steuert auf Frau Schmolkas Wohnzimmer zu, in dem der Tannenbaum bereits probeweise leuchtet. „Oh“, ruft sie, „da ist doch schon alles fertig!“ Gott scheint das als Einladung zu betrachten und setzt sich. „Was gibt es denn?“, fragt Frau Schmolka und ringt nervös die Hände. Schließlich ist es schon fast elf. Um zwei kommen die Kinder. „Ich suche eine Unterkunft für einen Jungen und seine Eltern.“ „Ach.“ Frau Schmolka ist überrascht, dass Gott sich jetzt auch um so was kümmert, wo es doch das Sozialamt gibt oder die Bahnhofsmission oder wer immer dafür zuständig ist.  „Warum nehmen sie kein Hotel? Es gibt sehr schöne Hotels hier …“

„Alles voll.“ Gott zuckt mit den Schultern. „Es ist Weihnachten …“ „Ja, das hätten die sich eben früher überlegen müssen.“ Frau Schmolka hat es noch nie verstanden, warum Menschen zu Spontanreisen neigten. Sie bucht ihren Urlaub sechs Monate im Voraus, da kann so etwas nicht passieren.  „Sie mussten fliehen.“ „Schlimm, schlimm, was es auf der Welt alles gibt.“ Sie schielt in die Küche. Wenn sie schon mal das Wasser für die Klöße aufsetzen könnte … Aber Gott lässt nicht locker: „Ja, in der Tat. Der Sohn bekam Morddrohungen.“ „Dann wird er sicher etwas auf dem Kerbholz haben. Ich“, betont Frau Schmolka und würde jetzt wirklich gern zurück zu ihrer Pute, „habe jedenfalls noch nie eine Morddrohung erhalten.“ „Er ist ein Säugling.“ „Na, dann sind es eben die Eltern.“ „Ich dachte“, sagt Gott nachdenklich, „sie könnten hier eine Weile bleiben.“ „Hier?“ Frau Schmolka glaubt, sich verhört zu haben. „Ich kenne die doch gar nicht!“ „Aber ich.“ „Wie stellst du dir das vor! Wir wollen doch Weihnachten feiern!“ „Das passt ja.“ „Die Kinder kommen, da will man keine Fremden im Haus.“ Gott seufzt sehr tief. „Das sagen die Leute seit 2000 Jahren schon.“  „Na siehst du!“ Frau Schmolka hat es noch nie eingesehen, warum sie die Welt retten soll, während die anderen ja auch nichts tun. Das ist ja nun wirklich ein bisschen viel verlangt. Manchmal scheint es ihr, als habe Gott den Blick für die Realität verloren. Fremde! Zu Weihnachten!

Später, als sie es sich alle gemütlich gemacht haben, liest Annemie, die gerade lesen gelernt hat, aus der Weihnachtsgeschichte: „Da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: ,Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir’s sage; denn Herodes hat vor, das Kind umzubringen.‘ Da stand er auf und nahm das Kind und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten.“ 

Mit glockenheller Stimme liest die Kleine. So niedlich.

So geht's:

Teil das Brot / hol den Wein / mach Licht in der Nacht / die kommen / könnten Könige sein.

Erschienen in „Welt der Frau“ 12/15 – von Susanne Niemeyer