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Auf einen Augenblick: Gott in uns

Maria, die Gottesgebärerin – das ist ein starker Titel! Ihn kann jede und jeder tragen. Männer wie Frauen.

Die Bibel ist ja recht männerlastig. Damit erzähle ich Ihnen wahrscheinlich nichts Neues. Ich habe nichts gegen Männer. Die meisten finde ich sehr nett. Sie sollen herumlaufen, wo sie wollen. Meinetwegen auch bei der Maniküre. Aber in der Bibel tummeln sie sich ziemlich gedrängt, da sehe ich ein Ungleichgewicht. Schließlich heißt es über Gott und Mensch: Zu seinem Bilde schuf er ihn als Mann und als Frau. Und nicht: Sechs Siebtel Männer schuf er und ein paar Frauen.

Wenn ich eine Identifikationsfigur suche, ist die Auswahl klein. Der Mann kann wählen, ob er mutig wie David, fromm wie Noah, weise wie Salomo, stark wie Simson oder revolutionär wie Jesus sein will. Für Frauen bleiben Eva und Maria. Verführerin und Dienerin, jedenfalls traditionell gedacht. Die eine will immer Sex, die andere hatte nie welchen. Nicht besonders verlockend. Wer genau schaut, findet natürlich noch ein paar andere Frauen, aber die meisten von ihnen stecken zwischen den Zeilen. Verse 23 und 24 – und das war’s. Außer an Weihnachten. Und jetzt komme ich doch zu Maria zurück. An Weihnachten ist eine Frau die Hauptfigur. Eine Frau und das, was sie gebiert. Sie ist deshalb auch schon stark strapaziert worden. Als Übermutter und Himmelskönigin, fromm und unschuldig, willig und mild. So will ich auch nicht sein. Aber dann stoße ich auf das alte Wort „Gottesgebärerin“. Da horche ich auf. Das ist doch mal ein Titel. Eine Frau ohne theologischen Abschluss bringt Gott zur Welt. Eine Priesterin also.

Stellen Sie sich das mal einen Moment lang vor: Sie tragen Gott in sich. Man kann ja mit allerlei schwanger gehen. Am Ende muss kein Kind dabei herauskommen, das geht also auch als Mann. Sie und ich, wir tragen also Gott in uns. Wir geben ihm Raum. Wir schützen ihn. In uns kann Gott wachsen. Die Liebe wächst in uns, die Sehnsucht, die Hoffnung, die Freundlichkeit und der Frieden. Alles das, was göttlich ist. Und dann bringen wir es zur Welt. An Weihnachten und darüber hinaus.

Manchen mag das zu weit gehen. Weil Maria eben Maria ist und nicht Hannelore oder Tina, die noch die Blusen bügeln und den Adventskranz richten will. Weil Maria doch lieber eine Königin sein soll, goldummantelt und sternenbekränzt. Aber je höher ich eine Person stelle, desto ferner ist sie. Desto weniger hat sie mit mir zu tun. Ich kann mein Leben ganz konsequenzenlos weiterleben. Was wäre, wenn auch Sie ein Königskind wären, aus dem eine Königin wird? Ihnen stünde der Mantel aus Gold auch ganz wunderbar. Und Sterne schmückten Ihr Haupt.

Wir sind Maria. Wir bringen Freundlichkeit und Liebe in die Welt, wir sorgen dafür, dass Gott nicht aufhört zu atmen. Wir sind guter Hoffnung.

Was könnte das für ein Advent werden?

So geht's:

„Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, doch nicht in dir, du wärest ewiglich verloren.“ (Angelus Silesius, 1674) Lass dich befruchten von der Liebe, der Sehnsucht und der Hoffnung. Und bring sie zu Oma und Lina, zur Nachbarin und zum Bäcker, zu Fremden und Freundinnen, zu dir und zur Welt.

Erschienen in „Welt der Frau“ 12/16 – von Susanne Niemeyer