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Gehen Sie durch eine Straße, sehen Sie den Menschen in die Augen. Wen sehen Sie? Wie kühn ist für Sie die Idee, es könnte Gott sein?

Wenn ich durch mein Viertel laufe, sehe ich immer wieder diesen Mann. Er ist vielleicht sechzig Jahre alt. Sein Haar ist grau und sein Gang etwas linkisch. Meistens lächelt er. Ich sehe ihn morgens, nachmittags oder abends. Einen festen Rhythmus scheint er ebenso wenig zu haben wie ich. Kein anderer Mensch fällt mir so häufig auf. Obwohl nichts an ihm ungewöhnlich ist. Ich stelle mir manchmal vor, er wäre Gott. Ich weiß, das klingt verrückt. Der Mann tut nichts, was diese Annahme untermauern würde.

Mein Lieblingskirchenlied ist von Gerhard Tersteegen. Er war ein Romantiker, ein Pietist. „Ich in dir, du in mir“, hat er gedichtet und meinte Gott damit. Ich singe aus voller Kehle mit. Dass Gott in mir wohnt, ist ein schöner Gedanke. Dann müsste ich ja nie lange suchen.

Allerdings hätte die Idee Konsequenzen. Sie gälte für jeden. Da Gott Gott ist und er überdies alle Menschen geschaffen hat – und dann noch nach seinem Ebenbild -, wird er niemanden ausschließen. Sich Gott in einem Geistlichen vorzustellen, ist da noch eine vergleichsweise leichte Übung. Jedenfalls sollte ein Pfarrer oder eine Kantorin quasi amtsbedingt für Gott ein Zimmer frei haben. Vorstellbar wäre auch, dass Gott in den eigenen Kindern wohnt, wenn sie gerade keinen Tobsuchtsanfall haben. Auch der Liebste ist als Wohnort Gottes denkbar, die beste Freundin und milde dreinblickende ältere Menschen, denen ich von vornherein ein großes Maß an Weisheit zubillige.

Was wäre aber, wenn dieser fremde Mann Gottes Wohnort wäre? Oder, noch viel schwieriger, einer von den durchgängig leicht alkoholisierten Punks, die stets einen Euro von mir wollen? Und was wäre, wenn ich Gott in jenem Obdachlosen sehen sollte, dessen Rollstuhl nachts unter dem Vordach meiner Krankenkasse steht? Dessen Nase halb zerfressen ist und dessen Gesicht deshalb so unheimlich aussieht?

„Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, sagt Jesus. Ich nehme an, er meint diese Leute in meiner Fußgängerzone. Manchmal gebe ich einen Euro. Ich will mich nicht rausreden. Ich könnte sicher mehr tun, um die Welt besser zu machen. Im Ganzen aber bin ich überzeugt von leidlich guten Hilfseinrichtungen in meiner Stadt.
Aber wenn dieser Mann, den ich morgens oder abends in meinem Viertel treffe, nun ein Hinweis wäre. Ein Handzeichen Gottes: Sieh hin. Ich bin hier und hier und hier. Ich begegne dir ständig. Wenn du dem Grauhaarigen, den Punks und dem Rollstuhlfahrer in die Augen siehst, siehst du in meine Augen. Und wenn du meine Augen in ihren Augen siehst, begegnest du ihnen anders.

Dann wäre „Ich in dir, du in mir“ alles andere als Romantik.

 

Mach's wie ein Romatiker

Schau mir in die Augen. Und dem Punk, der Busfahrerin, dem Ehemann, den Spielplatzkindern, der Kassiererin, dem Polizisten, der Friedensaktivistin.
Gott ist zu Hause.

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 9/2012 – von Susanne Niemeyer