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Warum Mitspielen besser ist als Zuschauen.

Am Freitag bekam ich Theaterkarten. Ich war müde von der Woche. Ein Liebesfilm auf dem Sofa und Schokoküsse in Reichweite hätten es auch getan. Andererseits wollte ich nicht den Stempel „Stubenhockerin“ auf meiner Stirn tragen. Also machte ich mich auf den Weg. Das Theater war klein. Drei Mal fuhr ich vorbei, bevor ich den Hinterhof entdeckte. Als ich reinkam, war es schon voll. Platzkarten gab es nicht. Was blieb, war die erste Reihe. Erste Reihen sind immer so eine Sache. Man kann Pech haben und wird auf die Bühne geholt und muss dann irgendwas Witziges sagen.

Eine Frau mit Mikro tritt nach vorn. Es geht los. Ich lehne mich zurück. Ein Irrtum, wie sich herausstellt. Denn die Künstler sind wir. „Bitte“, sagt die Frau, „Bühne frei für den ersten Auftritt!“ „Wo sind wir hier?“, zische ich panisch zu meiner Freundin. „Keine Ahnung, ich dachte, das sei irgendwas mit Kleinkunst.“ Schweißperlen sammeln sich auf meiner Stirn. Ich stelle mir vor, wie ich auf die Bühne geschoben werde, von Scheinwerfern geblendet, und kein Wort herausbringe. Was könnte ich denn auch schon tun? Mein Gesang reicht für ein paar einfache Wiegenlieder. Tanz habe ich nach einem desaströsen Abschlussball des Standardkurses mit 15 an den Nagel gehängt. Meine akrobatischen Fähigkeiten beschränken sich darauf, drei Bälle für kurze Zeit in der Luft zu halten. Nicht besonders programmfüllend.

Mittlerweile stehen die ersten zwei auf der Bühne. Ein junges Paar, er setzt sich ans Klavier, sie beginnt zu singen. Und wie sie singt! Eine Art keltischer Lieder, vorgetragen mit klarer, heller Stimme. Applaus und dann Mucksmäuschenstille. „Tja“, kommt es aus dem Publikum, „jetzt liegt die Latte so hoch, dass sich keiner mehr traut.“

Aber ein Mann traut sich doch. Der Jüngste ist er nicht mehr. „Ich mach Karaoke“, sagt er. Nervös nestelt er am Mikro. Die Musik beginnt, sein Gesang setzt ein. Besonders gut ist er nicht. Seine Stimme ist eher duschbadtauglich. Die Töne treffen nur manchmal die richtigen Noten. Aber er strahlt. Man merkt: Das ist sein Lied. Das ist sein Auftritt. Es hat ihn Überwindung gekostet, aber jetzt steht er da und singt. Damit ist der Damm gebrochen. Zwei Frauen tanzen. Eine Kanadierin erzählt die skurrile Geschichte ihrer Ankunft in Hamburg vor 30 Jahren. Mitten im dichtesten Schneesturm aller Zeiten. Es gibt Clownerie und Pantomime, es gibt mehr Karaoke, mehr Geschichten, eine Ein-Frau-Theaterszene, es gibt Improvisation. Perfektion ist nicht das Wort des Abends, aber Mut, Spaß, Neugier. Hier ist kein Superstar. Niemand wird entdeckt. Aber jeder zeigt sich. Keine hämischen Bemerkungen einer Jury. Viele wagen es, zum Gelingen des Abends beizutragen. Sie stellen sich ins Licht.

Ich versuch’s am Ende dann doch. Weil man sich doch nicht immer verstecken kann. Weil die Angst, nicht gut genug zu sein, kein Argument ist. Und weil mitspielen einfach aufregender ist, als zuzugucken. Wie im richtigen Leben.

 

Mach's wie ein Star

Geh ins Rampenlicht. Das Leben ist die Bühne. Du bist eine Mitspielerin. Zeig dich, trau dich. Trag dazu bei, dass das Spiel spannend ist. Wenn du Lampenfieber hast, dann hast du dies Gebet: „Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar sind alle deine Werke, das erkennt meine Seele.“ (Psalm 139,14)

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 10/2012 – von Susanne Niemeyer