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Die Autorität eines Menschen bestimmt sich nicht aus seiner Macht, sondern aus seiner Fähigkeit, Fehler einzugestehen.

Ich wurde von einem Lehrer zu Unrecht beschuldigt, eine Fensterscheibe eingeschmissen zu haben. Später erkannte der Lehrer seinen Irrtum und hat sich vor der Klasse für die Ohrfeige entschuldigt. Seit diesem Augenblick war mir dieser Lehrer ein Lehrer wie kaum ein anderer. Er hat es gewagt, sich vor einer ziemlich wilden Horde von Schülern schutzlos und angreifbar zu machen. Er hat seine Autorität aufs Spiel gesetzt. Nein, nicht seine Autorität, sondern seine autoritäre Unangefochtenheit, und damit ist er für mich und meine Mitschüler zur Autorität geworden. Er hat mir mit dieser Geste die Waffe der Rache aus der Hand genommen. Wir hatten damals als Schüler ein ziemliches Geschick, uns in solchen Fällen an den Lehrern zu rächen, und wir konnten ihnen das Leben schwer machen. Er ist ein Risiko eingegangen, indem er sich vor uns verwundbar gemacht hat. Zur puren Selbstverteidigung und zum Selbstschutz braucht man wenig Mut.

Dieser Lehrer hat mich Gewaltlosigkeit gelehrt, indem er sich selber wehrlos gemacht hat. Er war mein erster großer Friedenserzieher. Gelegentlich fordern wir die Entschuldigung von unten nach oben. Wenn also unsere Kinder etwas falsch gemacht haben, fordern wir sie gerne auf: „Entschuldige dich!“ Aber damit lernen sie wenig. Diese Zumutung hat die geheime Absicht, dass die Kinder die Autoritätsverhältnisse anerkennen, die sie durch einen Fehler verletzt haben. Die Pflicht, sich zu entschuldigen und die Kinder damit zum Frieden zu erziehen, haben vor allem die, die Macht über ihr Leben haben: die Eltern, die LehrerInnen, die Pfarrer, die Großeltern. Unsere Kinder werden dann schon erkennen, wie human es ist, nicht immer auf sich selber zu bestehen; wie befreiend es ist, Fehler, Schwächen und Unvollkommenheiten zeigen zu dürfen. Sie werden erkennen, wie anstrengend und wie lächerlich es ist, immer gewappnet, gerüstet und sich selber verteidigend herumlaufen zu müssen. Die Ritter mit der eisernen Rüstung werden vielleicht siegen, aber meistens siegen sie sich zu Tode.

 

Kleine Gewissenserforschung

Stehe ich unter dem Zwang, in Gesprächen immer das letzte Wort zu behalten?

Wann zum letzten Mal habe ich einem Menschen gegenüber, der mir nahesteht, einen Irrtum zugegeben?

Gebe ich Fehler nur dann zu, wenn ich bei ihnen ertappt werde?

Wenn Sie diese Fragen zufriedenstellend beantworten, sind Sie die Heilige des Monats.

Wenn Sie sich auf diese Frage eine ehrliche, wenn auch nicht zufriedenstellende Antwort geben, sind Sie ein wundervoller Mensch.

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 6/2012 – von Fulbert Steffensky