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Oft scheint uns das Glatte schöner als das Brüchige. Aber trägt es ebenso viel Leben in sich? Erzählt es von uns?

Ich besitze ein Smartphone, dreizehn Paar Socken und eine Butterdose. Die Butterdose glitschte mir an einem hektischen Morgen aus der Hand und zerbrach in zwei Teile. Ich fluchte. Eine neue Butterdose ist nicht sooo teuer, aber diese erzählte von einem Urlaub in Dänemark und einem Haus am Strand. Es würde nicht dasselbe sein. Da kam mir ein verrückter Gedanke: Ich könnte sie kleben. Das erschien mir wie eine Idee aus einer untergegangenen Zeit. Ein Smartphone kann man nicht selbst reparieren, auch das Auto, die elektrische Zahnbürste und das Akkuladegerät nicht. Als ich letztens meinen drei Jahre alten Drucker zur Reparatur brachte, schüttelte der Mann den Kopf, als hätte ich einen kranken Dinosaurier auf seinen Tresen gelegt: „Das lohnt nicht. Der ist hinüber. Kaufen Sie ein neueres Modell.“

Ich schaute den Mann an und mir fiel Oma ein, wie sie an langen Abenden unter ihrer Stehlampe saß und Socken stopfte. Sie sah meditativ aus mit ihrer großen Nadel und dem dicken Garn. Geduldig legte sie eine Art Gitter über das Loch. Erst kamen die senkrechten Fäden, fein sauber lagen sie nebeneinander, dann wob sie die waagerechten hinein, drunter und drüber und drunter und drüber, und am Ende wurde aus einem Loch ein Stück Socke. Das erschien mir damals wie Zauberei. Wer das kann: etwas Kaputtes heil machen. Oma konnte noch mehr: Schmerzen wegpusten, ganz ohne Desinfektionsspray, allenfalls mit etwas Spucke. Sie konnte aus vertrocknetem Brot einen zimtzuckrigen Nachtisch backen, Flicken auf Röcke setzen und aus Kerzenresten ein Regenbogenlicht machen. „Heile, heile Segen“, sang sie, „sieben Tage Regen, sieben Tage Sonnenschein, wird alles wieder heile sein.“ Die Welt war tröstlich. Narben und Risse und Flicken erzählten Geschichten vom Sein und vom Werden: „Das war, als ich vom Apfelbaum gefallen bin.“ „Die Tasse bekam ich zum fünften Geburtstag, und als ich sie mit viel zu heißem Kakao fallen ließ, roch die Küche noch Tage nach Vanille.“

Das war eine Art von Auferstehung, die ich verstand. Die Dinge lebten, sie wuchsen mit. Sie waren nicht einfach austauschbar, gesichtslos, wertlos, wenn sie ihre perfekte Form verloren. Perfektion, die Makellosigkeit meint, ist leer. Makelloses hat nicht viel zu erzählen. Es hat nichts durchgemacht, nichts mitgemacht. Seine größte Aufgabe ist, zu bleiben, wie es ist. Die Liebe zu Makellosem ist brüchig, weil sie stirbt, wenn es seinen ersten Glanz verliert.
Als Oma und Opa eines Tages ihre diamantene Hochzeit feierten, da wurden sie gefragt, wie sie es geschafft hätten, so lange zusammenzubleiben. Gab es keinen Streit, keine Krisen?

„Oh doch“, antworteten sie, „aber wir hatten das Glück, in einer Zeit aufzuwachsen, in der man die Dinge noch reparierte, anstatt sie wegzuwerfen.“

 

So geht's:

Mach etwas heil. Nähe, klebe, flicke, puste, füge etwas wieder zusammen. Nicht aus Geiz, sondern aus Liebe zu den Dingen und zur Dauer. Mach eine Haltung daraus: Was kaputt ist, ist nicht wertlos. Kein Ding und ein Mensch erst recht nicht.

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 2/2013 – von Susanne Niemeyer