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Muss man denn immer etwas tun? Die schönsten Abenteuer entwickeln sich von selber, wie aus dem Nichts tauchen sie auf.

Als Gott den Sonntag schuf, machte er auch die Langeweile. Das gefiel nicht allen. „He“, riefen ein paar Leute, „was soll das?“ Langeweile, das klang unberechenbar und auch gefährlich. Niemand kann sie kontrollieren. Was könnte sich nicht alles entwickeln?

Die Leute wollten Optimierung. Effizienzsteigerung. Erst erfanden sie den Schnellkochtopf, dann die Mikrowelle und schließlich alles „togo“. So kann man, dachten sie, Zeit sparen, um Dinge zu erfinden, die helfen, mehr Zeit zu sparen. Mach schnell, dann ist dein Leben schneller vorüber.

Gott sah das anders. Er mochte die lange Weile. Und er wusste sehr wohl, was das sollte: Wer sich der Muße hingibt, kann von der Muse geküsst werden. Mit Ideen und Gedanken. Mit Unerhörtem und nie Gesehenem. Den Leuten mit dem Schnellkochtopf wird das nie passieren, weil es dieselben sind, die beim Zugfahren ihr E-Mail-Postfach in Ordnung bringen. Sie sehen nichts, weil sie an allem vorbeirauschen. Langeweile ist ihnen zutiefst suspekt. Auf einmal stünden sie da mit nichts als sich selbst. Und dann?

„Mir ist langweilig“, haben wir als Kinder gequengelt, aber die kluge Mutter hat spätestens beim dritten Mal mit den Schultern gezuckt und gesagt: „Dann denkt euch was aus.“ Wir durften nicht den Fernseher einschalten, und Schokolade gab es auch keine. Zwei Dinge, mit denen wir heute gern die Langeweile betäuben. Und was für ein Glück, dass es Smartphones gibt! Wie sonst sollte man die leeren sieben Minuten an der Haltestelle überstehen, bis der Bus kommt? Wir verfügen über einen multimedialen Schutzwall gegen die Langeweile. So können wir sie schon im Keim ersticken. Der Wert eines Menschen scheint sich an seinem Tun zu bemessen, und die meisten von uns haben gelernt, dass Zeit zu vergeuden etwas Schlechtes ist. Das gilt für die Arbeitswelt – aber es gilt auch für die Freizeit. Einfach nichtstun? Mach doch eine Radtour. Geh ins Museum, streiche die Küche, lerne Chinesisch. Und wenn du schon nichts tun willst, dann geh ins Kloster. Dort kann man unter Anleitung nichts tun.

Als Kinder hat uns die Langeweile zu neuen Ufern getrieben. Unser gelangweilter Blick fiel auf ein Brombeergestrüpp, und auf einmal sahen wireine Höhle und einen Schatz. Eine Pfütze wurde zum Ozean. Wir bauten Galaxien aus Lego. Malten Geheimschriften mit Kreide. Wir haben eine ganze Welt voll neuer Dinge geschaffen – und das an einem einzigen Nachmittag. Aus dem Boden unserer Langeweile konnten zarte Pflänzlein sprießen, die niemand ausriss. Wir waren Schöpfer und Schöpferinnen eines Universums, das aus dem Nichts entstand.

Aus der Langeweile wächst der Tagtraum. Und aus dem Tagtraum kann etwas Neues entstehen. Aber es braucht Zeit. Gott hat den Schlaf gemacht, um den Körper zu entspannen. Gott hat die Langeweile gemacht, um den Geist zu entspannen. So einfach ist das.

 

So geht's:

Gönn dir eine lange Weile. Probiere aus, was passiert, wenn gar nichts passiert. Widerstehe dem Drang, jetzt die Vitrine abzustauben oder shoppen zu gehen. Sitz einfach da. Eine Viertelstunde oder eine halbe oder – wenn du mutig bist – sogar länger. Welche Muse küsst dich?

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 4/2013 – von Susanne Niemeyer