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Vom Weg abkommen ist die beste Art, die Welt zu entdecken. Denn sie ist weiter, leichter und wärmer, als jedes Navigationssystem erlaubt.

Bitte verirren Sie sich. Sie haben richtig gelesen: Hier geht es mal nicht darum, alles richtig zu machen. Hier gibt es kein Coaching zur Selbstoptimierung. Verirren ist ein bisschen aus der Mode gekommen. In Zeiten von Navis, Google Earth und GPS-Systemen auf jedem Handy, die die Rolle einer überbehütenden Mutter spielen, ist es gar nicht so leicht. Suchen Sie sich einen schönen Wald, den Sie nicht bereits kennen wie Ihre Hosentasche. Eine größere (unbekannte) Stadt tut es auch. Deutlich abzuraten ist von einer Gegend, in der es wilde Tiere, tiefe Schluchten oder extreme Wetterverhältnisse gibt. Die Lebensgefahr sollte nicht wesentlich über der eines Wegs zum Bäcker liegen. Dann gehen Sie los. Biegen Sie ein paar Mal rechts und ein paar Mal links ab, auch ein kurzer Gang querfeldein ist zu empfehlen. In der Regel reicht das schon, um die Orientierung zu verlieren. Das Abenteuer beginnt. Sind Sie AnfängerIn, schaltet sich sehr wahrscheinlich spätestens jetzt Ihr Kopf ein: Was tue ich hier? Die Antwort ist einfach: Sie entdecken die Welt, die jenseits der digitalen und empfohlenen Routen liegt. Keine Stimme, die befiehlt: „Bei der nächsten Gelegenheit bitte wenden. Sie kommen vom rechten Weg ab.“ Sie gewinnen. Freiheit, Selbstbestimmung und Vertrauen. Und ein paar Erkenntnisse:

1. Die Welt ist weiter, als wir glauben. Wer sich verirrt, vergrößert seinen Radius. Sie werden Dinge entdecken, die Ihnen zuvor noch nie aufgefallen sind. Egal, ob es eine Herbstzeitlosenwiese, ein indischer Kräuterladen ist oder ob ihnen überraschende Einfälle kommen. Letztere tauchen gern dann auf, wenn keine Navistimme dazwischenquatscht.

2. Die Welt ist leichter, als wir glauben. Wir brauchen weder sie noch uns ständig zu kontrollieren. „Entspanne dich. Lass das Steuer los. Trudele durch die Welt. Sie ist schön. Gib dich ihr hin, und sie wird sich dir geben“, schrieb Kurt Tucholsky. Ganz einfach.

3. Die Welt ist wärmer, als wir glauben. Im Wald da lauern die Räuber? Ehrlich, das wäre kein einträgliches Geschäft. Im schlechtesten Fall kommt wochenlang keiner vorbei. Und wenn doch, trägt er womöglich nur einen Jogginganzug, nicht aber seine gesamte Barschaft. Viel wahrscheinlicher ist es, einem anderen freundlichen Spaziergänger zu begegnen. Falls zu diesem Zeitpunkt schon der Moment gekommen ist, aus dem Wald heraus- oder zur nächsten S-Bahn-Station zu finden, wird er wahrscheinlich gern helfen. Wir sind nicht allein, und die Überfälle, die Klatschpresse und Sensationsmagazine genüsslich in Großaufnahmen zeigen, sind nicht der Normalfall.

4. Rettung lauert überall. Nehmen wir Mose. Jesus. Elia. Gott scheint seine Leute öfter mal in die Wüste zu schicken. Von externen Orientierungshilfen ist nichts überliefert. Gott vertraut auf seine FußgängerInnen und diese vertrauen auf Gott, der sich zuweilen in Form einer Feuersäule zeigt. Vertrauen kann man auch heute noch. Selbst ohne großen Auftrag. So ganz normal, im Alltag. Einen Ausweg gibt es immer. Und sei es aus dem Wald.

 

So geht's:

Losgehen, nicht denken, finden. Ganz einfach.

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 9/2013 – von Susanne Niemeyer