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Ob man nun unter oder über den Daunen liegt:
Ein Bett ist wunderbargefährlich.

Als Gott uns aus dem Paradies warf, gab er uns ein paar Erinnerungen mit. Eine davon istder Schlaf. Das war klug. Um das Paradies wiederzufinden, braucht man sich alsonur ins Bett zu legen. Ich liebe mein Bett. Die Decke ist aus Daunen. Das muss sein, auch wenn dafür ein paar Gänse ihr Leben ließen. Ihr Tod war nichtvergebens. Nichts kann so bergen wie ihre Flügel. Ich brauche keine Radioleisteam Kopfende und kein integriertes Licht. Mein Bettgestell muss nicht ausWalnuss sein, und eine Massagefunktion benötige ich auch nicht. Ein Berg voller Federn – und alles ist gut. Ich liege im Bett und bin in Sicherheit. Tagsüber bin ich eine Nomadin. Mein Bett holt mich heim.

Einmal las ich, ein Bett solle man nur zum Schlafen und für Sex nutzen. Ich bekam sofort ein schlechtes Gewissen. Denn ich finde, im Bett kann man fast alles tun. Das meiste von dem, was sitzend geht, ist im Liegen gemütlicher.

Auf was müsste ich alles verzichten: das Lesen in langen Nächten. Das Picknick an sonnigen Morgen. (Ach, Brötchenkrümel – über Brötchenkrümel lamentieren nur Langweiler!) Die erste Tasse Tee, bevor ich hinaus muss aus der wohligen Wärme des Schlafs und das Tagwerk beginnt. Die Zeitung am Samstagmorgen. Meine Lieblingsserie auf dem Notebook. Verzichten müsste ich auf den Zufluchtsort, wenn die Welt schlecht ist. Die Tobefläche mit meinem kleinen Neffen. Den Sonnenfleck, dessenVerlockung stärker ist als der Schreibtisch. Was für eine Verschwendung, diesenwunderbarsten aller Plätze jenseits der Nacht zu meiden, als wäre er desTeufels Wohnung.

Wahrscheinlich ist genau das der Punkt. Ein Bett, das hatetwas Anrüchiges. Sex, Schlaf, Traum, Müßiggang. Unterm Bett wohnen die Monster.Unterm Bewusstsein das Unbewusste. Der Wunsch unter der Wirklichkeit.

Klar ist ein Bett gefährlich. Alle schönen Dinge sind auch gefährlich. Die Liebe, das Reisen, der Wein und der Schlaf. Des Schlafes Bruder ist der Tod. Ich gebe mich aus der Hand. Acht Stunden lang schleicht sich die Anderwelt mit ihren Träumenund Bildern, mit ihren Sonderbarkeiten in mein Sein. Acht Stunden bin ich nicht mehr die Herrin meiner selbst. Wenn ich mich ins Bett lege, dann lasse ich los.To fall asleep. Vielleicht wache ich nicht mehr auf.

Des Schlafes Schwester istdas Paradies. Wer das Paradies will, muss mit der Schlange leben. Aber ist daswirklich so schlimm? Sie sorgt für Veränderung. Und Veränderung beginnt oft nachts. Als Adam eines Morgens die Augen aufklappte, war Eva da. Die Geschichte nahm eine neue Wendung. Eine Nacht über etwas schlafen – und die Welt sieht anders aus. Kinder und Träume wachsen. Wut verfliegt. Der Schlaf wiegt uns ins Paradies. Am Morgen sehen wir weiter.

 

So geht's:

„Abends, wenn ich schlafen geh, vierzehn Engel bei mir stehn: zwei zu meinen Häupten / zwei zu meinen Füßen / zwei zumeiner Rechten / zwei zu meiner Linken / zweie, die mich wecken / zweie, die mich decken / zweie, die mich weisen / zu Himmels Paradeisen.“ Gönne dir Schlaf. Gib dich sieben, acht oder neun Stunden aus der Hand. Ein anderer hält dich fest.

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 6/2013 – von Susanne Niemeyer