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Wenn der Tag ins Schlingern gerät, muss dringend etwas Schönes her.

Ein Tag hat 24 Stunden. Das macht 1.440 Minuten, was ganz schön viel ist. Manchmal scheinen diese 1.440 Minuten ihr Eigenleben zu führen. Der Staubsauger verteilt den Staub auf dem Teppich, anstatt zu tun, was er tun soll. Die Stecknadeldose flutscht aus der Hand und die nächste Viertelstunde findet auf Knien statt. Eine Datei verschwindet kurz vor dem Speichern. Ein Brief ist verlegt, die Brille auch. Birkensamen überziehen Tisch und Regal mit gelbem Flaum. Das Auto findet, es ist Zeit für einen Werkstattbesuch, und stellt, um das zu unterstreichen, das Fahren ein.

Ein solcher Tag gebiert grundsätzliche Zweifel am Sinn des Seins. Kann Gott das gewollt haben, dass ich mein mir geschenktes Leben damit verbringe, auf Knien robbend nach Stecknadeln zu suchen? War er es, der maulfaule Mechaniker erschuf, in die Vertrauen auf eine günstige Autoreparatur zu setzen schwerfällt? Hat er nicht daran gedacht, dass mit der Erfindung des Computers auch die Stundenzahl eines Tages erhöht werden müsste, weil so viel Zeit dabei draufgeht, nicht verrückt zu werden?

„Vergiss es“, sagt Gott. „Du selbst entscheidest, mit welchen Problemen du dich herumschlägst. Der Deal ist klar: Ich schenke dir 24 Stunden. Du kannst frei wählen, was du damit machst. Ich habe dich einmal aus der Sklaverei befreit. Das muss reichen und gilt überdies auch heute noch.“
Ich bin versucht, mich schmollend in eine Ecke zu verziehen und das Leben doof zu finden. Aber ich sehe ein, dass das kindisch ist. Also gehe ich die 1.440 Minuten noch einmal durch, ganz langsam, jede einzelne (na gut, ein paar fehlen, denn die Nacht liegt ja noch vor mir, und die Nacht gehört auf jeden Fall zu den Positivminuten, wegen der großartigen Erfindung „Schlaf“). Zum Beispiel habe ich gegen Mittag drei bis vier Stück Schokolade gegessen, und weil ich sie nicht runtergeschlungen, sondern schön genüsslich gelutscht habe, gab es schon mal zwei Schokoladenminuten, und die sind definitiv gut.
Mir fällt mein Poesiealbum ein, das ich als Grundschülerin hingebungsvoll gepflegt habe. Ich erinnere mich an Herzen und fromme Bildchen und an viele mit Schönschrift gemalte Sprüche. Hohe Poesie war das selten. Aber das meiste reimte sich, und was sich reimt, kann man sich merken. Ein Spruch hieß: „Mach es wie die Sonnenuhr. Zähl die hellen Stunden nur.“

Man könnte es auch so sagen: Miss die Qualität eines Tages an ihren Schokoladenminuten (oder an Warmwasserduschminuten, Indiesonneblinzelminuten, an Leseversunkenheitsminuten oder was sonst noch schön ist). Wenn du gegen 17 Uhr merkst, dass der Tag ins Schlingern geraten ist, kannst du einfach ein paar solche Minuten einschieben und die Sache sieht schon anders aus. Und weil die Gleichung „Tag + Schokoladenminuten hoch 7 = Glück“ gilt, brauchst du gar nicht viele davon, um den dummen Staubsauger auszugleichen.

 

So geht's:

„Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir“, schrieb der Theologe Angelus Silesius im 17. Jahrhundert. Und manchmal ist er ganz nah: in einem Stück Lieblingsschokolade, einem Kuss, einem Gedicht, einem Blick in die Wolken, einer Nase voll Blütenduft, im Eincremen der Hände. Eine Minute von 1.440 den Himmel ahnen. Wenn das kein guter Anfang ist …

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 5/2013 – von Susanne Niemeyer