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Warum wird das Laub so golden, bevor es fällt? Eine Lektion in Sachen Luxus.

Ich mag Verschwendung. Nicht diese sinnlose, wenn jemand beim Zähneputzen das Wasser laufen lässt. Da werde ich nervös. Ein Pfund weggeworfene Tomaten drücken mir aufs Herz. Papier beschreibe ich von zwei Seiten. Ich rede auch nicht von den medial inszenierten Champagnerschlachten irgendwelcher Halbberühmtheiten.

Was ich meine, ist diese sinnliche Verschwendung, die der Herbst kennt. Als wolle er mit einer einzigen Birke daran erinnern: Schau, meine Liebe, der Winter wird lang, aber gräm dich nicht. Jetzt zeige ich dir noch mal, wie leben geht. Dann leuchtet sie mit den Ebereschen um die Wette, dass einem ganz schwummrig wird vor lauter Glanz. Und das alles ohne erkennbaren Nutzen. Der Sommer könnte ja auch direkt von Grün zu Grau wechseln. Alles befruchtet? Alles geerntet? Alles erledigt? Und aus. Kurzer Prozess. Aberso macht er es nicht. Er gibt noch einmal alles. Verschwendung heißt auf lateinisch „luxus“.

Gestern hörte ich im Fernsehen einen sehr reichen Mann. Ersagte: „Man kann nie genug haben.“ Ich dachte: Der Mann hat keine Ahnung. Wernie genug hat, kann nicht genießen. Der schielt, während er isst, schon auf das nächste Stück Buttercremetorte. Ängstlich darauf bedacht, dass es ihm kein anderer vom Teller schnappt.

Luxus ist verzichten können. Eine Möglichkeit, die sich bietet, verschwenden. Nicht zugreifen, sondern mit großzügiger Geste sagen: Danke sehr, ich habe schon. Nicht alles kriegen, was man haben kann, damit man genießen kann, was man hat.

Luxus kann man auch anders übersetzen, nämlich mit „üppige Fruchtbarkeit“.

Höchstwahrscheinlich denken Birken nicht darüber nach, dass der Tod es ist, derihr Kleid so wunderbar schneidert. Würden sie es dann noch anziehen? Oderwürden sie stattdessen sich weigern, ihre Chlorophyllproduktion einzustellen,um mehr Sommer, mehr Grün, mehr Leben zu haben?

Als ich kurz vor seinem Tod zu meinem Opa fuhr, trank er einen Schnaps mit mir. Das war das erste Mal, dass wir das zusammen taten, und es war auch das letzte Mal. Er war alt und hatte Krebs. Es kam mir vor, als hätte er sagen wollen: Jetzt genießen wir noch mal das Leben. Bevor der Winter kommt. Bevor der Tod an seine Tür klopfte.

Der Tod ist auch ein Verschwender. Er holt jeden. Viel zu junge, viel zu lebendige, viel zugeliebte, viel zu viele Leben. So scheint es jedenfalls. Vielleicht aber ist es auch ganz anders. Vielleicht ist er ein Sammler. Vielleicht sammelt er, so wie die Birke im Winter Kraft für das Frühjahr sammelt. Vielleicht sammelt er uns und reicht uns weiter an einen Frühling, der nicht enden wird. Ein Frühling, der hell und leuchtend ist. Ein Frühling, dessen Kleid uns zu Königen und Königinnen macht. Ein Frühling, in dem selbst der reiche Mann genug hat.

Die Birke ist der Vorgeschmack.

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So geht's:

„Ich habe mich für ein Leben in Luxusentschieden. Wann immer ich will, lasse ich mich ganz einfach vom Boden tragen odernehme ein Bad in der Stille.“ Hubert Feurstein

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 11/2013 – von Susanne Niemeyer