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Der Mängelblick ist einfach, den hat jeder. Der Blick auf die Fülle braucht da schon mehr Mut.

Meine Freundin Sarah ist eine Schönfärberin. Sie stellt ihr Leben ins Internet. Sarah schreibt einen Blog. Ich liebe ihn. Dieser Blog hat keinen Nutzwert, er hilft nicht bei der Arbeitssuche, er gibt keine Tipps für die besten Handytarife, er kommentiert nicht das politische Tagesgeschehen. Das Thema von Sarahs Blog ist Sarah. Sarah, wie sie am Sonntag Ravioli mit Kürbis füllt. Ein hibiskusroter Sonnenaufgang auf Sarahs Arbeitsweg. Ein witziges Graffito vor Sarahs Tür.

Es gibt viele, sehr viele Menschen, die ihr Sein in den Weiten des Netzes ausbreiten. Die jede Scham- und Peinlichkeitsgrenze durchbrechen. Ich bin keine Voyeurin, und ich will mir auch niemanden betrunken oder nackt oder beides zusammen auf Mallorca anschauen. Aber Sarahs Geschichten sind anders. Sie tun mir gut. Denn Sarah färbt den Alltag schön. Sie hat einen Blick für seine kleinen Wunderbarkeiten und Skurrilitäten. Wo andere einen grauen Wintertag sehen, findet Sarah einen halbgeschmolzenen Schneemann, der tragisch-komisch in ihre Kamera blickt. Ein gewöhnliches Abendessen macht sie zum Dinner, weil sie die Sauce nicht einfach auf den Teller gießt, sondern spiralförmig über Reis und Rüben träufelt. Sarah wartet nicht darauf, dass es das Leben gut mit ihr meint, sie findet das Leben gut. Im wortwörtlichen Sinn: Irgendwas Gutes gibt es immer. Auch wenn die Umstände auf den ersten Blick nicht damit rausrücken wollen. Sarah ist die perfekte Spurenleserin. Sie hat keine Angst vor Kitsch, vor großen Gefühlen, vor Pathos. Und Sarah scheint keine Angst davor zu haben, enttäuscht zu werden. Sie macht sich ihre Welt, wie sie ihr gefällt.

Man kann das oberflächlich finden. Aber ist das nicht eher ängstliche Abwehr? Weil Klagen und Beklagen soviel einfacher ist? Der Chor der Bedenkenträger nimmt immer gern neue Sänger auf, das Lied „Alles wird immer schlimmer“ ist einfach zu lernen.

Und wenn es einen Tag in der Woche gäbe, der allem Guten, Schönen, Gelungenen vorbehalten wäre? Nicht um sich um die Krisen und Kriege dieser Welt herumzudrücken, sondern um Widerstand zu leisten und zu zeigen: Seht her! Es gibt die andere Seite. Es gibt Regenbögen in den Unwettern dieser Erde. Ein Tag in der Woche, in dem nur positive Nachrichten gesendet würden: Heute ein wunderschöner Mond über Burkina Faso. Familie Jalta im Freudentaumel, weil Maia gesund geboren wurde. Zwei von Tausenden verfeindeter Soldaten, die ihre Waffen weglegen. Ein Bohnenbeet, das wachsen konnte durch ein Bewässerungsprojekt für Kleinbauern. Ein Obdachloser, der den Jahrestag seiner Rückkehr in eine Wohnung feiert. Geschichten vom Gelingen, Geschichten von Tropfen auf heißen Steinen, von kleinen Siegen der Hoffnung, des Widerstandes und des Wachsens.

Es grünt die Wirklichkeit, die wir gießen. Groß wird, was wir groß machen. Die Schönheit des Lebens kann mit Kürbisravioli beginnen.

 

Mach's wie Sarah:

Färbe die Welt schön. Mach einen Tag in der Woche zum Tag der guten Nachrichten, des wohlwollenden Blicks, des kleinen Gelingens. Bedenken müssen draußen bleiben. Denn „Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in unser Herz gelegt. Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt, als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben.“ (Aus: Prediger 3)

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 12/2012 – von Susanne Niemeyer