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Auf einen Augenblick: Vom Glück des Abgebens

Abraham war Wirtschaftsflüchtling. Sein Sohn Isaak ebenso. Die Bibel ist voll von guten Asylgeschichten.

Ich besitze 14 Sets Bettwäsche und bin noch nie geflohen. Deshalb liegen die Laken wohlsortiert im Wäscheschrank, im Winter hole ich die rot bestickte heraus und im Sommer lieber die geblümte. Wenn ich ein Set aufziehe und ein zweites in der Wäsche ist und ein drittes für Gäste parat liegt, bleiben immer noch elf Sets, die ich nicht akut brauche, es sei denn, es käme überraschend eine Fußballmannschaft zu Besuch, was aber selten passiert.

Wer aus Syrien kommt, hat meistens keine Bettwäsche dabei. Jedenfalls denke ich mir das so, weil Bettwäsche sperrig ist und nicht überlebensnotwendig. Ich habe also einen Bettwäscheüberschuss, jemand anderes ein Defizit, wir könnten uns treffen und die Sache ins Lot bringen.

In meiner Stadt geschah es so. Eine Tageszeitung veröffentlichte eine Liste der Dinge, die den vielen Flüchtlingen, die täglich kommen, fehlen. Es ging nicht um Häuser, Bankkonten, Lebensversicherungen. Sondern um Alltagssachen wie Hosen, Röcke, Tampons, Duschgel und eben Bettwäsche. Während im Politikteil noch darüber diskutiert wurde, wie mit den Flüchtlingsströmen umzugehen sei, strömten Hunderte in die Zeitungsredaktion und brachten, was gebraucht wurde. Kinder gaben Bälle ab. Männer teilten Jeans. Perlenbesetzte Frauen rollten Koffer voller Toilettenutensilien hinter sich her. Leute brachten Fahrräder, Malzeug und Schreibutensilien.  

Ich bin sicher, diese Geschichte ist nicht einzigartig. Deshalb erzähle ich sie. Sprache schafft Wirklichkeit. Wer nur von angezündeten Flüchtlingsunterkünften liest, kann sich irgendwann nichts anderes mehr vorstellen.

Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Manche haben, ohne es zu wissen, Engel beherbergt. Flüchtlinge sind keine Engel. Aber sie sind Menschen. Sie sind keine besseren Menschen, aber auch keine schlechteren. Sie tun das, was ich wahrscheinlich genauso täte, wäre ich nicht in einem Land mit Bettwäscheüberschuss geboren. Sie suchen nach einem besseren Leben. Abraham war Wirtschaftsflüchtling. Sein Sohn Isaak ebenso. Naomi, die Schwiegermutter Ruths, floh ins Nachbarland, um Arbeit zu finden. Jakob suchte Asyl wegen eines Familienstreits. Das wären heute alles keine anerkannten Asylgründe. Und ob Mose, mit einem Totschlag im Gepäck, Asyl erhalten würde, ist ebenso fraglich. Gott war immer mit diesen Leuten. Ach ja, bleibt noch Jesus. Ebenfalls Asylant in seinen ersten Lebensjahren. Hätte Ägypten seine Familie nicht aufgenommen, wäre seine Laufbahn als Gottessohn möglicherweise beendet gewesen, bevor sie richtig begann. So gehen die Geschichten, auf die wir uns als christliches Abendland berufen. Wenn das mehr als romantische Märchen sind, dann sollten wir wenigstens für einen Moment in jedem Syrer Jesus sehen und in jeder Albanerin Naomi. Das löst die Flüchtlingsfrage nicht. Aber es erinnert daran, dass zunächst ein Mensch vor uns steht, kein Problem.

So geht's:

„Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Manche haben, ohne es zu wissen, Engel beherbergt.“ (Die Bibel, Hebräer 13,2)

Erschienen in „Welt der Frau“ 09/15 – von Susanne Niemeyer