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Auf einen Augenblick: Ohne einen Paukenschlag
Ein großes Gefühl ist nur groß, wenn es sich im Kleinen zeigt. Natürlich kann man eine Kaffeetasse lieben oder den Tau auf dem Klee. So ist die Liebe.

Ich liebe Tee mit Milch und Zucker. Der Tee hat dann genau die richtige Farbe, und ich brauche in diesem Moment nichts anderes zu tun, als Tee mit Milch und Zucker zu trinken. Ich liebe die Ernsthaftigkeit in den Augen meines allerkleinsten Freundes, wenn er Giraffe und Eisbär zum Abendessen einlädt und ihnen Suppe aus Legosteinen auftut.

Ich liebe den Geruch in mancher Nacht, wenn das Meer ganz nah zu sein scheint und die Luft süß und würzig ist wie der Saum des Wassers. Ich liebe das Gefühl, frisch geduscht zu sein. Ich liebe manche Sonntagnachmittage, die in mildem Licht träge dahinfließen, an denen man nichts anderes tut als zu zweit sein und irgendwann ein Stück Käsekuchen zu essen. Ich liebe das Muster auf meinen Tassen, das mir von einem englischen Dorf erzählt, in dem vor den Häusern Rosen blühen und der Ginster leuchtet.

Ich liebe den Blick aus meinem Fenster, auch wenn er nicht perfekt ist. Aber was ist schon perfekt. Und damit sind wir am entscheidenden Punkt. Denn ich höre eine Stimme, die aufbegehrt: „Meine Liebe, wie kannst du so etwas Großes wie die Liebe so klein machen? Wie kannst du die Liebe, die Himmelsmacht, die Allessehnsucht, auf Kaffeetassen und das Duschen reduzieren?“

Heute wird alles geliebt. In jeder zweiten Werbung gibt jemand eine Liebeserklärung ab. Haftpflichtversicherung, Toilettensitze, McDonald’s? „Ich liebe es.“ Dem kann ich mich selten anschließen. Aber ich will auch nicht ausschließen, dass es Menschen gibt, die es lieben, vor einer Tüte Pommes zu sitzen, weil es so vertraut, so verlässlich, so wiederholbar ist. Wer bin ich, dass ich sagen könnte, diese Liebe ist falsch oder sie ist gar keine Liebe.

Die Liebe soll mit einem Paukenschlag kommen. Die Liebe soll groß sein, überdimensional. Sie soll exklusiv sein. Ein Mensch für immer, ein Mensch über allem. Ja. Aber irgendwann verhallt auch der lauteste Paukenschlag, und wer wollte das schon, sein Leben lang auf die Pauke hauen? Dann bleibt der Widerhall. Der Widerhall vieler unterschiedlicher Klänge, eine Sinfonie aus Käsekuchennachmittagen und Blinzelmorgen, aus Augenblicken und dem Flussrauschen der Zeit. Die Größe der Liebe ist nicht ihre Größe, sondern ihre Weite. Die Liebe ist langmütig und freundlich. Die Liebe eifert nicht, sie bläht sich nicht auf.

Natürlich kann man eine Kaffeetasse lieben, den Tau auf dem Klee, eine Freundin, wenn sie lacht. Die Liebe ist groß und nachsichtig und ihre Arme sind sehr weit. Sie rechnet nicht, wen oder was sich zu lieben lohnt. Das ist ihr Geheimnis. Deshalb wird sie nie sterben. Ein Mensch kann gehen, und das ist fürchterlich. Aber die Liebe stirbt nicht. Sie blüht an anderer Stelle wieder auf. Wie Maiglöckchen an einem Frühlingsmorgen verlässlich wieder auftauchen, Jahr für Jahr. Oder wie der Staub, der nie verschwindet. Vielleicht ist das ein treffendes Bild. Maiglöckchen und Staub. Staub und Maiglöckchen. So ist die Liebe.

So geht's:

Die Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf. (Die Bibel, 1. Brief an die Korinther, Kapitel 13) Leg dich in ihren Schatten.

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 5/2014 – von Susanne Niemeyer