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Auf in fremde Gefilde<br>ab 5 Jahren

Ein Juwel unter den textlosen Bilderbüchern blinkt mir entgegen, wenn ich mit dem Mädchen die magische Pforte in das ferne orientalische Land durchschreite, umblättere und mich auf der Doppelseite im üppig grünen Wald wiederfinde, der reich mit Lampions und Lichterketten behangen ist. Ich gebe es offen zu: Ich hab mich wieder verliebt, diesmal in das Bilderbuch „Die Reise“ von Aaron Becker. Wieder und wieder möchte ich darin blättern, den Mut und die Abenteuerlust des Mädchens mit dem dunklen Pagenkopf bewundern, ihre Stärke, Entschlossenheit und ihren leidenschaftlichen Drang nach grenzenloser Freiheit – für sich und andere Wesen.

An einem Tag, an dem alles langweilig ist und sich sämtliche Familienmitglieder freiwillig in digitalen Gefängnissen aufhalten, nimmt sie den weiteren Tagesverlauf selbst in die Hand, schnappt sich die rote Kreide, zeichnet eine Tür an die Zimmerwand und schlüpft hindurch in sattes Grün.

Sie scheint einer inneren Spur zu folgen, einem Weg, der unter ihrer Zeichenkreide entsteht und schon auf der Landkarte ihrer Seele vorgezeichnet war. Sie gibt sich dem Fluss hin, wagemutig und furchtlos, stürzt sich ins Leben, weg von der trauten Familie, die grau in grau lieber hinter Bildschirmen und an Telefonen hängt als mit ihr Zeit zu verbringen. Weg von Menschen, die lieber in Stagnation zwischen Hochhäusern vor roten Ampeln ausharren, statt unterwegs zu sein.

Die Reisende ist den Elementen sehr nahe, Wasser dient ihr als Schreiboberfläche, ebenso die Luft. Das Nichts, die Leere, der Abgrund ist so präsent wie die Liebe, die Freude, die Fülle. Gut mit ihrer eigenen Kraft verbunden steht sie Gefahren durch, flieht vor Verfolgung und Gefängnis, befreit den grazilen Vogel, der ihr zum treuen Freund und Helfer wird. Sie folgt ihrer Sehnsucht und fliegt ihm nach durch die unbekannte Welt, über prächtige orientalische Stadtlandschaften, glanzvolle Gebäude, in goldenes Abendlicht getaucht, flache Dächer neben Reihen von Kuppeln, offene Torbögen zu schützenden Innenhöfen. Vor dem sternenübersäten rosa Nachthimmel heben sich dunkelviolett und majestätisch schlanke Minarette ab.

Wie schön, dass am Ende des Buches die Reise sich nicht wie oft in Bilderbüchern nur als Traum entpuppt, sondern ganz im Gegenteil, eine Begegnung mit einem Buben steht. Ein Partner, der ihr gewachsen ist und mit dem sie in der vertrauten urbanen Realität der amerikanischen Großstadt loszieht: auf einem gemeinsam gezeichneten Tandem, hintereinander fest in die Pedale tretend. Unsere Heldin sitzt vorn am Lenker. Die Ampel steht auf Grün.

 

Könnten sich nur ebenso wie die Kinder der Geschichte alle flüchtenden Menschen rasch ein sicheres Boot zeichnen, einen Ballon oder einen fliegenden Teppich, um unbeschadet sämtlichen Krisenzonen dieser Erde zu entkommen. Stellen wir wenigstens für jene, die uns direkt begegnen, unsere Ampeln auf Grün und „Herzlich willkommen“.

 

Aaron Becker:

Die Reise

Ab 5 Jahren

Gerstenberg Verlag 2015

ISBN 3-8369-5784-1

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt als Buchhändlerin in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin des „Kleinen Buchladens“ sieht sie sich als Vermittlerin – als Leseanimateurin für Kinder besucht sie Bibliotheken und Kindergärten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und tritt fallweise als Grille oder sogar Meerjungfrau auf.

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