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Aufwachen

Aus dem Nichts heraus richtet er seinen Körper auf und wendet sein Gesicht dem meinen zu. Er öffnet die Augen weit, sein Mund wirkt entspannt und neugierig und er beginnt mich zu mustern, von einem Auge zum anderen – das ganze Gesicht – als ob er mich das erste Mal richtig sehen würde. Seine Augenbrauen tanzen auf der Stirn, als ob er sich konzentrieren wollte um sich jedes Detail zu merken. Dann lächelt er, und mir wird ganz warm ums Herz. War das ein erstes Aufflackern einer Art von Bewusstsein? War die etwas anstrengende letzte Phase wieder ein entscheidender Entwicklungsschub in Richtung erwachsener Mensch? Interpretiere und projiziere ich vielleicht zu viel in diese merkwürdige Geste, die mich sehr erstaunt hat?

Was für ein Abenteuer, dieses erstaunliche, eigenwillige Geschöpf beim Wachsen und Sich-Entwickeln zu beobachten. Unglaublich ist, dass er sich vermutlich an die ersten beiden Lebensjahre nicht erinnern wird, obwohl hier ständig etwas Neues gelernt, erprobt oder gekonnt wird. Warum vergessen wir die erste Zeit in unserem Leben oder ist es vielleicht so, dass diese Zeit sehr wohl memoriert wird, aber vielleicht durch eine andere Art von Erinnerung? Was, wenn Gefühle, Vorlieben und Instinkt eine Art der Konservierung dieser ersten Jahre repräsentieren? Vielleicht ist das kindliche Hirn noch nicht in der Lage, filmartige Ereignissequenzen zu speichern – Gefühle und Erfahrungen ohne einen visuellen Anker jedoch sehr wohl? Wohlmöglich bestimmt diese erste Lebenszeit viel mehr die emotionale und mentale Gesamtkonstitution als man gemeinhin heute annimmt. Was gäbe ich dafür zu verstehen, wie Michael denkt, wie er fühlt und was er empfindet, wenn er mit uns kommuniziert.