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Auszeit

Wann haben Sie zum letzten Mal drei Wochen in einem Stück gehabt, ohne irgendeinen Termin, ohne irgendeinen Plan für die nächsten 21 Tage?

Hatten Sie eine dermaßen unverplante Zeit überhaupt jemals in Ihrem Leben?  Ich nicht, und die Sehnsucht danach wuchs in mir schon lange. Und so schritt ich zur Tat!

Über 800 Kilometer ab in den Süden, mit einer Übernachtung am Gardasee. Mit meinem Fiat 16, der lief  wie geschmiert, er wollte wohl ins Mutterland!

Ich sitze nun den zweiten Tag auf der kleinen Terrasse vor meinem Waldhäuschen, mutterseelenallein, habe soeben die erste Mahlzeit für mich zubereitet, handgemachte Pasta (gekauft) con aglio, olio, zucchini e pomodori, und genieße dazu ein Glas Rotwein.

Meine Auszeit findet in einem kleinen Dorf nahe Arezzo statt, in einem Agriturismo. Und mein Häuschen  ist so etwas wie die Einsiedelei des Betriebes, es liegt einige hundert Meter vom Haupthaus entfernt, mitten im Wald. Den ganzen Tag kommt keine Menschenseele vorbei, es begleitet mich nur Hundegebell von den umliegenden Höfen und ich beobachte Vögel, die unter dem Mückennetz am Fenster durchfliegen und an die Scheibe picken, Eidechsen, die schnell über den Weg huschen und Eichkätzchen, die Zypressen auf- und ablaufen.

Zu Hause, beim Studium diverser Reiseführer, kam mir die Gegend um Arezzo schon deswegen geeignet vor, weil hier überall die Spuren des Heiligen Franz von Assisi zu finden sind. Und mein Aufenthalt sollte reduziert, möglichst einfach gestaltet und spirituell sein.

Diese drei Wochen werden spannend, für mich als eher ängstlichen Menschen erfordern sie auch einigen Mut, und ich bin neugierig, was sie mit mir machen werden.

Rückschau eineinhalb  Monate später:

Einkehr wollte ich, und ich habe sie bekommen! Dass ich gleich so mitten im Wald landen würde, ging bei der Reservierung nicht hervor, gefiel mir aber nach dem anfänglichen Schock recht gut! Nach den ersten beiden Wochen, als ich allmählich erfasst hatte, dass an meinem Häuschen wirklich nie jemand vorbeikommen würde, verspürte ich auch eine innere Ruhe.

Zusätzlich zwang mich eine Sportverletzung, die ich mir schon zu Hause  vor der Abreise zugefügt hatte, immer mehr zu Hause zu bleiben. Besuchte ich einmal eine Stadt für eine Stunde, musste ich die nächsten zwei Tage zu Hause bleiben, um meinem Fuß Erholung zu ermöglichen. Ich wurde also regelrecht in die Knie und zur Kontemplation gezwungen!

Das was mir wirklich wichtig war, habe ich trotzdem geschafft: ein Besuch im Franziskaner-Kloster La Verna und am Monte La Penna, ein Besuch in Rom mit einer Generalaudienz beim Papst (die findet jeden Mittwochvormittag auf dem Petersplatz statt), einige Museen und Kirchen mit den fantastischen Malereien von Piero della Francesca, einige Kaffees auf der Piazza Grande in Arezzo.

Jetzt im Nachhinein bin ich froh über die vielen Stunden allein im Wald, die ich mit Schauen, Lesen, Nachdenken, Dahindösen verbringen konnte. Das ist absoluter Luxus! Das weiß ich jetzt wieder, seit ich daheim bin.

Aber ich weiß auch, wo ich hin kann, wenn ich diese absolute Ruhe  wieder einmal brauche!

 

Anneliese Pflügelmayr

arbeitete als Pädagogin und Mediatorin. Zuletzt war sie an der Pädagogischen Hochschule OÖ tätig, wo sie Deutschdidaktik unterrichtete und gemeinsam mit KollegInnen einen Lehrgang für Peermediation aufbaute. Seit einem einjährigen Aufenthalt als Austauschschülerin in den USA engagiert sie sich als Freiwillige für Jugendaustausch und diverse Sozialprojekte. Kommunikation und Begegnung mit Menschen sind ihr wichtig. In ihren Beiträgen wirft sie einen augenzwinkernden Blick auf das Alltagsleben als Seniorin, in dem sich vielleicht auch so manche Leserin wiederfindet.
Ihre Devise: Mit kritischer Distanz und Humor sollte sich doch das Älterwerden etwas leichter bewerkstelligen lassen!

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