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Barfuß lernt man die Welt am besten kennen

Atticus, ein Anwalt, bringt seinen beiden Kindern, seiner Tochter Jean Loise, von allen Scout genannt, und seinem älteren Sohn Jem Finch, früh das Lesen und Schreiben bei. Das gefällt der Welt der 30-er Jahre im Süden der USA den Autoritäten aber gar nicht. Atticus ist nicht nur als Anwalt weise, er rät seinen Kindern, in der Schule nicht mehr von diesen wonniglichen Vorlesestunden zu erzählen.

Maycomb, Alabama, diese Städtchen werden jene LeserInnen, die den Ort, an dem grandiose Bücher spielen, immer suchen und finden wollen, nie entdecken. Es existiert nämlich auf keiner Landkarte: Wohl aber in den Köpfen der jungen AmerikanerInnen, die mit dem Buch „Wer die Nachtigall stört …“ als Privat- und Schullektüre groß geworden sind. Sie werden sich noch immer an Calpurnia, der unverwüstlichen Haushälterin und Köchin von Atticus, Jem und Scout erinnern, die meistens zu den Kindern hält und auf regelmäßigen Mahlzeiten besteht. Klar, ihre Gegenwart ist durchaus tyrannisch zu nennen, daher versuchen die Geschwister ja auch immer wieder, sie auszutricksen, mehr oder minder erfolgreich.

Streiche hier und Belehrungen dort, als Atticus Pflichtverteidiger des Farmarbeiters Tom Robinson wird, bekommt diese Schelmengeschichte ihre politische Richtung und nimmt schnell Fahrt auf. Atticus, der die Meinung vertritt, ein Schwarzer habe die gleichen Rechte wie ein Weißer, wird von Teilen der Bevölkerung gemieden, was auch seine Kinder trifft. Sie sind dabei, als im Gerichtssaal alle Geschworenen den zu Unrecht Angeklagten mit „schuldig, schuldig, schuldig …“ richten.

Arme Kinder in der Klasse, die verspottet und gehänselt werden, die für nur einen Vormittag zum Unterricht kommen und das auch noch zur Freude der Lehrer: Diese Szenen erzählen aus der Sicht Scouts viel von Klassenunterschieden und der Macht der Gebildeten, ja, sie waren alle weiß.

Ich bin kein sehr guter Mensch, Mr. Finch, aber ich bin Sheriff von Maycomb County. Demnächst werde ich dreiundvierzig, und ebenso viele Jahre lebe ich schon in dieser Stadt. Ich weiß alles, was hier zu meinen Lebzeiten und früher passiert ist. Ein schwarzer Bursche hat wegen nichts und wieder nichts sterben müssen, und der Mann, der daran schuld ist, ist tot. Lassen Sie diesmal die Toten die Toten begraben, Mr. Finch.

 
Die Autorin: Harper Lee, 1926 in Monroeville geboren, studierte Jura, landete mit ihrem Roman „Wer die Nachtigall stört …“ einen Welterfolg, immerhin wurde ihr Buch in 40 Sprachen übersetzt. Vielleicht wurde sie unterschätzt, wohl hat man ihre enge Freundschaft zu Truman Capote stets erwähnt, sie jedoch in ihrer Qualität als Erzählerin zu wenig gewürdigt. Sie setzt auf traditionelles Erzählen, lässt ihre LeserInnen nicht allein, konfrontiert sie mit keinen sprachlichen Experimenten. Hier hat jemand gegen Rassismus angeschrieben, für eine liberale Erziehung plädiert, eine geniale Frau!

Harper Lee:

Wer die Nachtigall stört.

Aus dem Englischen von Claire Malignon.

Überarbeitet von Nikolaus Stingl.

Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2015.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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