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Begehrst du mich noch?
Diese Frage brachte Elisabeths Eheleben völlig aus dem Gleichgewicht. Ehemann Helmut hatte sie wie aus heiterem Himmel gestellt.

Gerade hatten wir über den nächsten Urlaub gesprochen. Und darüber, wer von uns beiden den Wagen zum Service in die Werkstatt bringen müsse.

Da fragte mich mein Mann völlig unvermittelt: „Begehrst du mich eigentlich noch?“ Ich sah ihn an. Als Teil jenes Paares, das seit 24 Jahren zusammenlebt. Wohnungen und Haus haben wir gemeinsam gesucht und eingerichtet, haben unzählige Male gekocht und die Kinder versorgt, berufliche Pläne gewälzt und Elternabende besucht, uns um die alten Eltern gekümmert. Das hat doch viel mit Liebe zu tun.

Helmut gab nicht auf. Er wollte es wissen. Auf der Stelle. Ich sah in ein vertrautes Gesicht. Auf Falten, die nur die nicht mehr ganz jungen Männer haben. Auf zart grau melierte Haare. Auf etwas mehr Bauch als früher. Auf seine schönen Hände und zu großen Füße. Er ist bis heute das Beste geblieben, was mir je passieren konnte. Das bestätigte mein Herz. Doch mein Körper schwieg. Er sagte nichts, was mit Lust und Leidenschaft zu tun gehabt hätte. Mit den Beziehungsjahren wird das Begehren einfach weniger, das ist doch ganz normal, heißt es hierzu beschwichtigend in vielen Ratgebern.

Ich habe meine Aufmerksamkeit und meine Sinnlichkeit einschlafen lassen.

Mein Mann sah, dass ich darauf keine Antwort wusste. „Mir geht es genauso. Ich habe meine Aufmerksamkeit und meine Sinnlichkeit einschlafen lassen.“ Er stand auf. „Ich will so nicht weiterleben, da muss sich etwas ändern.“ Er werde weggehen, sagte er, und zwar alleine. Ich schrie: „Was, wegen so einer lächerlichen Kleinigkeit verlässt du unsere Ehe?“ Total lächerlich fand ich sein Gerede von Begehren und Sinnlichkeit nach 24 Jahren.

Ich blieb in unserem Haus zurück. Mein Mann zog aus. In den ersten Tagen war ich nur wütend. Trank seinen Rotwein, schaute alle meine Serien, ließ die Schuhe im ganzen Haus verstreut stehen. Ich machte alles, was er nie leiden konnte. Bis ich in der zweiten Woche seiner Abwesenheit zu bemerken begann, dass mir der Morgenkuss fehlte. Eine Berührung am Abend. Diese selbstverständlichen Gesten. Wann hatte es begonnen, dass wir sie unter ihrem Wert handelten?
Nur langsam begann ich, wieder auf meine Sinne aufmerksam zu werden. Wie fühlt sich meine Haut an? Wie Holz, Glas und Papier? Ich dehnte meine Sehnsucht nach Berührung auf Menschen aus. Redete ich mit Freunden, ertappte ich mich dabei, ihnen ab und zu meine Hand auf die Schulter zu legen. Ich umarmte sie beim Abschied. Und begann zu überlegen, wie Menschen, die alleine leben, den Mangel an Körperkontakt aushalten. Kinder verkümmern körperlich und seelisch, wenn sie nicht gehalten und liebkost werden.

Eine Freundin nannte mir einen Mann. Ich gab mich seinen professionellen Händen hin, die zweimal in der Woche von den Knöcheln aufwärts meinen Körper massierten. Was hatte mein Mann zu mir gesagt? Sein Körper sei eingeschlafen. Ich begann zu verstehen, was er gemeint hatte. Das Kneten und Dehnen löste und belebte auch meine Gedanken.
Seit Helmuts Auszug sind drei Monate vergangen. Heute habe ich eine SMS losgeschickt. Ich will am Wochenende zu ihm kommen. Ich will meine Antwort auf seine Frage wissen. „Begehrst du mich eigentlich noch?“ Denn ich habe mich geirrt. Sie ist überhaupt nicht lächerlich, diese Frage. Auch nicht nach 24 Jahren Ehe. Mein Begehren ist gut versteckt gewesen, und ich habe es nicht mehr gesucht. Ich weiß nicht, was ich spüren werde, wenn ich meinen Mann wiedersehe. Gerade hat er geantwortet: „Gut so.“ Ich bin aufgeregt.

Erschienen in „Welt der Frau“ 6/2012 – von Michaela Herzog