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Über brauchbare Werte für Frauen.

Vor einiger Zeit kramte ich meine alten Stammbücher und die meiner Schwestern wieder hervor. Ich war erstaunt, was ich darin zu lesen bekam. Es schien mir wie Aufträge, die ich ins Leben mitbekommen hatte, von meiner Mutter, meiner Großmutter, meinen Schwestern, Schulfreundinnen und Lehrerinnen. Sie alle hatten sich in diese abgegriffenen kleinen Büchlein eingetragen. Erinnern Sie sich? Hatten Sie auch ein solches Album der weisen Sprüche? Was las ich nun darin?

Oberösterreichische Goldhauben-Trägerinnen: Karoline Hüttner, Maria Wasner, Hermine Wolfgruber, Maria Moser (v.l.n.r.)

WAS MAN UNS INS STAMMBUCH GESCHRIEBEN HAT
„Sage nie: Das kann ich nicht! Vieles kannst du, will’s die Pflicht, alles kannst du, will’s die Liebe. Darum dich im Schwersten übe. Schweres fordert Lieb und Pflicht. Sage nie: Das kann ich nicht!“ Meine Mutter hatte mir dieses Gedicht gewidmet. Was habe ich daraus gelernt? Pflichtbewusstsein.

„Lerne entsagen und ertragen, lerne vergessen und vergeben, dann hast du gelernt zu leben.“ Diesen inhaltsschweren Satz widmete mir eine Lehrerin. Was habe ich daraus gelernt? Verzicht.

„Kannst du kein Stern am Himmel sein, sei eine Lampe im Haus.“ Welch freundlicher Rat einer Schulkameradin. Was habe ich daraus gelernt? Bescheidenheit.

„Sei wie das Veilchen im Moose, so sittsam, bescheiden und rein, nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein.“ Hundertfach steht dieser Spruch in Stammbüchern. Was lernen wir daraus? Sittsamkeit.

Und noch ein fünfter Spruch ist mir aufgefallen: „Sei immer gut und edel, mit einem Wort: ein braves Mädel.“ Was habe ich daraus gelernt? Selbstlosigkeit.

Diese Haltungen und Tugenden, die uns das Stammbuch vermittelte, prägten sich uns ein. Im jungen Alter der Orientierung haben sie Gewicht. Sie dringen in unseren Kopf, in unser Herz ohne Reflexion, ohne Kritik. Sie bestimmen unser Leben – gerade wenn wir nicht in Distanz dazu gehen – mehr, als wir vielleicht selbst meinen.

Heute, fast vierzig Jahre später, frage ich mich, ob diese Sprüche mir im Leben geholfen haben. Nicht nur mir. Generationen von Frauen haben versucht, sich entlang dieser Leitlinien zu bewegen. Wie weit sind sie damit gekommen?

Die Landwirtin Marianne Ganglberger hat ihre Goldhaube einst selbst gestrickt. Die Mädchenhaube und das Kleid von Enkeltochter Lara sind geborgt.

WAS MAN UNS NICHT INS STAMMBUCH GESCHRIEBEN HAT
Als ich nachlas, welche Richtung die Sprüche in meinem Poesiealbum nahmen, stieg ein leichtes Gefühl der Beklemmung und des Unbehagens in mir auf. Was war das für ein Befehlston! Wie viel war da mit Ausrufezeichen geschrieben, mir von außen aufgetragen. Sehr viel an Leichtigkeit und Lebensfreude war da nicht zu spüren. War das womöglich mit ein Grund, warum so viele Frauen nach Perfektion streben, warum sie das Gefühl haben, es sei nie genug und man dürfe es sich nicht zu leicht im Leben machen?

Mich beschlich das Gefühl, man habe uns Mädchen mit diesen Sprüchen etwas einseitig gepolt, uns nicht die ganze Fülle des Lebens vermittelt. Da stieß ich wieder auf eine Geschichte aus der Bibel. Sie kennen sie? Sie handelt von Marta und Maria und ist beim Evangelisten Lukas im 10. Kapitel nachzulesen: „Sie zogen zusammen weiter, und er kam in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn freundlich auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen! Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere erwählt, das soll ihr nicht genommen werden.“

Ist diese Stelle nicht eine einzige Provokation für alle, die sich wie Marta mühen? Und sind wir nicht alle, die in den Stammbüchern von Pflicht, Verzicht, Bescheidenheit und Mühe gelesen haben, in einer Situation wie Marta? Schauen wir kurz genauer auf Marta. Sie müht sich, aber sie ist voller Aggression, die sie aber nicht direkt ausdrückt, sondern indirekt. „Herr, kümmert es dich nicht?“, sagt sie anklagend. Und sie will, dass er ihre Schwester zurechtweist. Marta hat, so scheint es mir, nicht gelernt, „ich“ zu sagen. Sie definiert sich über andere, über ihre Pflicht, ihre Mühe, ihr unablässiges Tun. Und sie will dafür wahrgenommen, gesehen, gelobt, unterstützt werden. Erkennen wir uns darin wieder? Doch Jesus geht mit seiner Provokation noch weiter. Er knallt Marta vor die Nase, dass Maria sogar den besseren Teil erwählt habe, indem sie nichts tue, als zuzuhören. Stellt das nicht ein ganzes Mädchenstammbuch auf den Kopf?

Seit dem Biedermeier werden in Erica Zeilingers Familie Goldhaube und passender Schmuck vererbt. Die ehemalige Geschäftsfrau aus dem oberösterreichischen Lambach wird ihre Ausstattung an ihre Tochter weitergegeben.

Wenn man die Bibel nicht als historischen Tatsachenroman liest, sondern als Buch der inneren Bilder, können wir besser verstehen, was gemeint ist. Das Bessere, das Hören, kommt, so sagt es Jesus, vor dem Tun. Denn das Hören, das Innere, kann uns nicht genommen werden.

Wer sind wir, wenn wir nichts tun oder nichts mehr tun können? Haben wir dann noch Selbstwert? Denn nur er ist das Fundament, auf dem sich das Tun sinnvoll entwickeln kann. Bloßes Tun ohne Selbstwert führt zu Bitterkeit, so wie wir es an Marta und ihrer Reaktion sehen.
Beim Lesen dieser biblischen Geschichte wurde mir klar, dass man uns als Mädchen nur eine Seite der Wahrheit ins Stammbuch geschrieben hatte. Wir waren zu Martas erzogen worden. Die Maria hatte man uns vorenthalten. Doch Marta und Maria sind Schwestern, so steht es geschrieben. Deswegen müssen wir auch Maria zu ihrem Recht kommen lassen, wenn es uns gut gehen soll.

WAS WIR UNS HEUTE INS STAMMBUCH SCHREIBEN SOLLTEN
Was sind nun Marias Tugenden? Was könnten wir uns heute selbst ins Stammbuch schreiben, was könnten und sollten wir nachlernen? Ich mache Ihnen fünf Vorschläge.

Den Eigensinn: Er leitet uns auf unserer eigenen Suche im Leben. Jede von uns ist ein unverwechselbares Individuum. So ist es uns zugesagt, auch aus dem christlichen Glauben. Wir haben nicht nur ein Recht, sondern sogar die Pflicht, unserem eigenen Sinn zu folgen. Wo finden wir ihn? Wenn wir nach unseren Träumen fragen, unseren Visionen, unseren Vorstellungen von unserem Leben. Jede Frau weiß, was sie sich erträumt. Sie muss nur wagen, diesen Träumen zu folgen. Sei nicht so eigensinnig, wurde uns oft schimpfend gesagt. Sei eigensinnig, sollten wir uns selbst lobend sagen. Im Eigensinn nehmen wir das Maß an uns selbst, wir überwinden Widerstände und können uns folgenden Satz von Katharine Hepburn ins Stammbuch schreiben: „Ich habe immer das getan, was ich selbst wollte. So habe ich es wenigstens einem Menschen in meinem Leben recht gemacht.“

Die ehemalige Schuldirektorin Marion Schweighofer hat ein Faible für Altes. Sie trägt eine „Bürgerhaube“, die sie einst selbst gestickt hat.

Die Hellhörigkeit: Sie hilft uns, die eigene innere Stimme wahrzunehmen. Wir könnten sie auch Intuition nennen. Sie ist jener Impuls, der uns genau erkennen lässt, ob wir etwas wirklich wollen, ob wir etwas anstreben, ob wir etwas bleiben lassen sollten. Die Hellhörigkeit braucht Zeit und Raum. Im Pilgern, im Gehen, im Schweigen kann sich das innere Ohr öffnen. Die Hellhörigkeit hilft uns, auf die Signale unseres Körpers zu achten und unangenehmen Gefühlen nicht auszuweichen. Wer hellhörig geworden ist, kann die eigenen inneren Schätze heben, gegen das Licht halten und sich an ihnen freuen. Ein Spruch der Schauspielerin Shirley MacLaine könnte in unserem Stammbuch dazu stehen: „Die am tiefsten gehende Beziehung, die wir jemals haben werden, ist die zu uns selbst.“

Die Klarheit: Wer eigensinnig und hellhörig geworden ist, kann klar sagen, was er will, kann Ja und Nein sagen. Wie schwer uns das fällt! Aber erst wenn wir „ich“ sagen gelernt haben, können wir auch wirklich „du“ sagen. Dann sind wir nicht in der Symbiose, die den anderen braucht, um sich überhaupt zu fühlen, dann brauchen wir nicht die Harmonie, die aus der Unterordnung um des lieben Friedens willen entsteht. In der Klarheit ändern sich Konflikte. Man gesteht dem oder der anderen eigene Interessen zu, die genauso stark sein dürfen wie die eigenen. Man kämpft nicht gegen, sondern mit den anderen. In der Klarheit nehmen wir in Anspruch, unseren eigenen Weg zu gehen. Und der braucht gelegentlich auch ein „Nein“. Was halten Sie vom Spruch Sophia Lorens für Ihr Stammbuch: „Ich kann in zwölf Sprachen Nein sagen. Das genügt für eine Frau.“

Die Verbundenheit: Auf der Basis dieser Tugenden kann Verbundenheit entstehen, die nicht aus Abhängigkeit, sondern aus Freiheit geboren ist.

Verbundenheit ist eine bewegliche Form der Zugehörigkeit. Sie weiß, dass Veränderung zum Leben gehört, und muss nichts ängstlich festhalten.

Verbundenheit kann sich auf vieles beziehen, auch auf Traditionen. Aber sie wird nichts festzuhalten suchen. Verbundenheit lässt Wachstum zu. Sie kennt das offene Wort und die offene Umarmung – und einen Spruch, den uns Hannah Arendt, die Philosophin, ins Stammbuch schreiben würde: „Freundschaft ist die Wurzel aller Menschlichkeit.“

Der Humor: Er weiß um die Vorläufigkeit allen Bemühens. Wir sind nur Menschen. Wir müssen nicht perfekt sein. Das Wort „Humor“ kommt vom „Humus“. Die Gärtnerinnen wissen, dass dieser das „schwarze Gold“ genannt wird. Wie im Humus alles verrottet, ist auch der Humor die Essenz des Verdauten. Aus Ärger wird Klugheit, aus Wut die Kraft, aus Niedergeschlagenheit Lachen. Wir müssen nicht perfekt sein, wir dürfen Mensch sein. Schon Papst Johannes XXIII. hat sich selbst immer wieder gesagt: „Giovanni, nimm dich nicht so wichtig!“ Man suche sich als Frau auch humorvolle Vorbilder für das Stammbuch. Beispielsweise die frühere litauische Staatspräsidentin Kazimiera Prunskiene. Sie hat gesagt: „Es stimmt, dass eine Frau doppelt so gut sein muss wie ein Mann. Gott sei Dank ist das nicht besonders schwer.“

WIE DAS ALLES EIN GANZES ERGIBT
Wenn wir die Eigenschaften von Marta und Maria nun zusammen betrachten, sehen wir, dass sie ein Ganzes ergeben. Wer Maria ist, der kann auch Marta anders leben. Da wird das Pflichtbewusstsein aus dem Eigensinn und nicht aus der Fremdbestimmung wachsen, da folgt der Verzicht aus der Hellhörigkeit, weil man nicht mehr alles tut, was man gar nicht will. Aus der Klarheit folgt die Bescheidenheit, weil man weglässt, was man nicht will oder braucht. Aus der Freundschaft ergibt sich die Sittsamkeit, das Befolgen von Regeln, um den Freund nicht zu verletzen. Der Humor schließlich führt uns zur Selbstlosigkeit, weil er uns zeigt, dass wir uns zwar wichtig, aber nicht tierisch ernst nehmen sollen.

Wenn Marta und Maria in uns selbst in der Balance sind, geht es uns gut. Und das Stammbuch ist komplett.

Der Artikel basiert auf einem Vortrag der Autorin beim Landestag der oö. Goldhauben- und Kopftuchgruppen 2012.

Festtagskleidung

Für die Serie „Golden Blossoms“ hat Robert Maybach über 100 Fotografien gemacht. „Dabei habe ich mich auf das Verhältnis zwischen Inszenierung und Authentizität konzentriert. Ich verknüpfte Kindheitserinnerungen an die Goldhaubenprozessionen beim Kirchgang mit meiner Gromutter mit Elementen der Modefotografie und der Renaissancemalerei.“

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 78/2012 – von Christine Haiden