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Bessarabien und weiter

Mit Karl-Markus Gauß lässt es sich generell gut reisen, seine Beobachtungen sind kompakt, in seinen Beschreibungen tobt nicht die Lust an der Abschweifung und wenn doch, dann sehr, sehr charmant: Wer sind die Menschen, die ihm in der Republik Moldau begegnen, warum wollen die Lehrerinnen soviel über sein Privatleben wissen, ob er etwa trinke, regelmäßig arbeite, wann er morgens aufstehe … Dass Gauß ausgerechnet nach dieser Veranstaltung seinem namenlosen Helden, dem im Stehen schlafenden Soldaten, begegnet, macht den Einstieg in diese Reisegeschichten so leicht. Erschöpfte junge und alte Schaffnerinnen, die seit Jahrzehnten in ihren O-Bussen durch vielsprachige Stadtbezirke fahren und ebenso erschöpfte und müde Fahrgäste bedienen – das ist ein Bild, das in Schwarz-Weiß in der eigenen Fantasie entsteht und nicht weichen will. Die vier Buchkapitel „Meine moldawische Sehnsucht“, „Die toten Mädchen von Futog“, „Die Augen von Zagreb“ und „Bulgarien, im Museum der ausrangierten Zukunft“, lassen sich gut Abend für Abend, Station für Station, Idee für Idee und Reflexion für Reflexion lesen. Gauß stellt Bezüge von Bessarabien zur Salzburger Bessarabierstraße her, von der man weiß, dass sie keine gute Wohnadresse abgibt. Er, Gauß, ist hier aufgewachsen, er weiß noch reisend zu erzählen, dass manche Eltern ihre Kinder bei Verwandten unterbrachten, nur um eben die Wohnadresse zu vermeiden, niemand will seinen Nachkommen die Zukunft vermasseln, schon gar nicht mit der Wohnadresse Bessarabierstraße. Das sind mehr als Randnotizen, das sind klare Worte und interessante Bezüge. Wer bleibt in den Ländern, wer unterrichtet hier die Kinder, wer kümmert sich um sie, die Kranken, die, die einer liebevollen Pflege bedürfen?

Die Deutschlehrer Moldawiens erwiesen sich ausnahmslos als Deutschlehrerinnen, weil der schlechtbezahlte Beruf des Lehrers auch in Moldawien Frauensache geworden war und sich die Männer, die ihn einst ergriffen hatten, längst auf nach Deutschland, Österreich oder sonst wohin gemacht hatten. (S. 12)

Seinen Zagreb-Besuch verbindet er mit seinem ersten Besuch, damals, 1986 – „Der Zerfall Jugoslawiens war noch unausdenklich fern und hatte doch längst begonnen.“ (S. 105) Hier folgt die Beschreibung eines legendären Mittagessens, bei dem die Gläser auf Jugoslawien, Kroatien, Europa und Österreich gehoben wurden: Gauß wird dann das rechte Auge eines gut durchgebratenen Lamms auf dem Porzellanteller serviert, kein Genuss, der Verzehr gelingt.

Zagreb war jetzt die Hauptstadt eines Landes in der Europäischen Union, und diese jungen Frauen hatten allesamt bereits ein Studium absolviert und doch im beruflichen Leben nicht Fuß gefasst, denn Kroatien musste sparen, damit es sich eines Tages die Kredite würde leisten können, die es benötigte, um deutsche Waren zu importieren … (S.140)

 

 

Was Sie versäumen, wenn Sie dieses Buch nicht lesen: Information, Sprachspiele, Erinnerungen, Einblick in die Geschichte der bereisten Länder, Verbindungen von Gestern und Heute, Lust, selbst zu reisen, über Friedhöfe zu schlendern, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, dabei an eigene Grenzen zu stoßen.

 

Der Autor ist 1954 in Salzburg geboren, gibt die Zeitschrift „Literatur und Kritik“ heraus, schreibt Reiseberichte, Essays und andere literarische Gattungen, ist gefragter Redner, weiß wie kaum jemand von der Magie des Viertelanschlusses zu schreiben und vom Leben in der Bessarabierstraße zu erzählen.

 

 

Karl-Markus Gauß:

Zwanzig Lewa oder tot.

Vier Reisen.

Wien: Zsolnay Verlag 2017.

207 Seiten.

 

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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