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Beste Freundinnen<br>ab 6 Jahren

Was für ein Glück für jedes Mädchen, eine zu haben! Sie ist da, auch wenn sie nicht anwesend ist. Und „beste“ Freundin für jemanden sein zu dürfen, ist eine Auszeichnung – obwohl ich Superlativen skeptisch gegenüberstehe: Streng genommen kann es nur eine geben, was andere schnell ausgrenzt. Im Testgelände sozialer Beziehungen werden daraus oft Spielchen à la: „Wenn du das nicht machst, dann …“ Im Kindergarten wie in der Volksschule war ich dankbar, eine beste Freundin zu haben, die fest zu mir gehalten hat.

Durch dick und dünn, so wie Dunja und Ella Frieda in den Büchern von Rose Lagercrantz, mit den grandiosen Bildern von Eva Eriksson. 5 Bände haben die beiden Schwedinnen über diese innige Freundschaft bereits herausgebracht, der 4. „Du, mein Ein und Alles“ ist heuer auf Deutsch erschienen. Ein großes Vergnügen für alle, die schon gerne selber lesen, wie der Moritz Verlag seine Erstlesereihe charakterisiert.

Die zarte, blonde Dunja und Ella Frida mit ihren kräftigen, dunklen Locken sind beste Freundinnen ohne Wenn und Aber. Das haben sie sich durch 4 Bände hindurch gegenseitig wiederholt bewiesen. Sie stehen füreinander ein, auch wenn sie nur selten beisammen sein können.

Dunja, genannt Dunne, hat ein außergewöhnliches Talent fürs Glücklich-Sein. Statt Schäfchen zählt sie abends die bisher erlebten Glücksmomente. Band 1 heißt deshalb „Mein glückliches Leben“, obwohl nicht alles eitel Wonne ist. In der ersten Klasse lernt sie Ella Frida kennen und sofort ist klar: Die beiden sind beste Freundinnen. Leider bleibt ihnen wenig Zeit, das im Alltag zu genießen. Ella Frida zieht weg und Dunja stürzt in ein emotionales Tief, das wohl deshalb so heftig ist, weil sie als kleines Kind ihrer Mutter verloren hat. Ein größerer Verlust ist kaum vorstellbar. Seither lebt sie allein mit ihrem Vater zusammen. Er ist liebevoll und fürsorglich, doch die beste Freundin kann er nicht ersetzen, genauso wenig wie die Mutter. Den beiden Mädchen gelingt es trotz Distanz auch mit Unterstützung der Eltern, ihre Freundschaft aufrechtzuerhalten. Band 1 endet mit der Aussicht auf einen Besuch bei Ella Frida während der Osterferien. Ein weiterer glücklicher Moment!

In „Mein Herz hüpft und lacht“ wird Dunne arg gepiesackt: Vicky und Micki aus ihrer Klasse drangsalieren sie derart, dass ihre Arme von blauen Flecken übersät sind. Sie versucht sich zu wehren und löst damit ein Desaster aus. Der vehemente Auftritt ihres Papas in der Schule setzt dem üblen Treiben ein Ende. Auch die Lehrerin klärt ein für alle Mal, dass Mobbing inakzeptabel ist. Und völlig überraschend steht wenig später Ella Frida da – so weit ist Norrköping doch nicht entfernt! Dunne kann auf ihre Freundin vertrauen, obwohl sie nicht ständig bei ihr ist.

„Alles soll wie immer sein“ wünscht sich Dunja in Band 3, als ihr Papa am letzten Schultag vor ihren ersten Sommerferien von einem Auto angefahren und lebensbedrohlich verletzt wird. Ihre Großeltern stehen ihr in ihrer blanken Verzweiflung bei, so gut sie können. Dunne hat ja nur noch ihn! Sie muss sofort zu ihm und holt ihn rufend, so laut, wie sie sich traut zurück ins Bewusstsein. Er wird wieder gesund, doch das dauert den ganzen Sommer. Die Großmutter hat eine geniale Idee und Ella Fridas Mama ist einverstanden: Dunja darf mitfahren auf die Sommerinsel. Die Ferien können beginnen!

„Du, mein Ein und Alles“ erzählt nun endlich von unbeschwerten Tagen am Strand der Insel. Die beiden treiben jede Menge Schabernack, beobachten Tiere durchs Fernglas, verkaufen Kaffee und Gepäck an Feriengäste … Aber wieder fällt ein Schatten über die Idylle, als sich Dunnes Papa nicht wie gewohnt abends telefonisch meldet, sondern am Tag darauf unangekündigt mit seiner neuen Freundin Wanda antanzt. Zuvor prahlt Cousin Svante mit dem Geheimnis.

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Dunne verschlägt es die Sprache. Sie ist tief erschüttert, will sie doch für ihren Papa ein „Ein und Alles“ sein. Ella Frida bietet dem vorwitzigen Schlingel Paroli. Schließlich hext sie mit einer Krähenfeder im Mondschein Papas Liebchen weg. Das klappt sogar in gewisser Weise. Fridas Geständnis „Wenn du bei mir bist, brauche ich nichts mehr. Du, mein Ein und Alles!“ macht Dunne unsäglich glücklich. Ein weiteres Mal!

 

Neben dem kongenialen Zusammenspiel von Bild und Text und dem feinen skandinavischen Humor ist es die Rolle der Erwachsenen, die diese Bücher so besonders macht. Sie werden nicht lächerlich oder betulich gezeichnet, oder kommen nur am Rande vor, wie in vielen anderen Erstlesereihen, sondern besitzen große Präsenz: Sie sind zur Stelle, wenn es pressiert und trauen den Kindern trotzdem Autonomie und große Freiheiten zu. Die Eltern, Großeltern oder die Lehrerin bieten Orientierung und Rückhalt. Dadurch entsteht eine sehr erstrebenswerte Welt. Nicht nur Erikssons Zeichnungen erinnern sanft an Ilon Wiklands Illustrationen der Bullerbü-Bände.

Lagercrantz mutet den LeserInnen einiges zu: der Tod der Mutter, der Verlust der Freundin, der Unfall des Vaters. Und trotzdem sind die Geschichten so überaus warm und positiv, dass es eine Freude ist. Ich kann nur allen Müttern empfehlen, sie unbedingt schnell selbst zu lesen, bevor sie an die Kinder weitergehen!

Rose und Eva, Autorin und Illustratorin, stelle ich mir gern als Freundinnen vor: Ihre Zusammenarbeit ist so einfühlsam, sich gegenseitig ergänzend und aufeinander eingehend, dass es eigentlich gar nicht anders sein kann. Zahlreiche Bücher haben sie neben der Dunja-Serie bereits mitsammen geschaffen und sind damit weit über Schweden hinaus bekannt.

Frauenfreundschaften sind oft stabiler und verlässlicher als so manch leidenschaftliche Liebe. Und oft beginnen sie in der Kindheit, so wie bei Dunne und Ella. Der Zufall wollte es, dass ich im Urlaub Elena Ferrantes ersten Teil der neapolitanischen Saga „Meine geniale Freundin“ gelesen habe. Ein ganz heißer Literaturtipp für uns Große!

Vielleicht haben wir ja Glück, und Frau Repolust steckt bald ihr Lesezeichen hinein? Ich bin jedenfalls restlos begeistert von Band 1, der den Beginn der Freundschaft zwischen Lila und Elena beschreibt, ihre Kindheit und frühe Jugend in einem Arbeiterbezirk Neapels in den 50er-Jahren, und erwarte sehnsüchtig das Erscheinen von Band 2 im Jänner 2017.

 

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alle 4 Bände:
Rose Lagercrantz (Text) und Eva Eriksson (Bild)
ab 6 Jahren oder für alle, die schon gerne selber lesen
Moritz Verlag
zwischen 120 und 140 Seiten, erschienen 2012-2016
EUR 12,30

Mein glückliches Leben
ISBN 978-3-89565-239-4

Mein Herz hüpft und lacht
ISBN 978-3-89565-269-1

Alles soll wie immer sein
ISBN 978-3-89565-299-8

Du, mein Ein und Alles
ISBN 978-3-89565-329-2

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt als Buchhändlerin in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin des „Kleinen Buchladens“ sieht sie sich als Vermittlerin – als Leseanimateurin für Kinder besucht sie Bibliotheken und Kindergärten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und tritt fallweise als Grille oder sogar Meerjungfrau auf.

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