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Bevor nichts mehr geht: Auszeit für Eltern
Immer mehr Eltern fühlen sich überlastet und stehen am Rande eines Burn-outs. Von Eltern-Kind-Kuren über den Verein MUKIKU bis zur Familienhilfe: Wo es Unterstützung für Krisenzeiten gibt.

Die ständige Übelkeit und das viele Erbrechen schrieb Regina B. zuerst ihrer Schwangerschaft zu. Doch als ihr viertes Kind zur Welt gekommen war, hörten die Beschwerden nicht auf. „Manchmal muss ich ein paar Tage lang erbrechen, und dann ist für eine Zeit Ruhe, bevor es wieder losgeht“, erzählt die Mutter von fünf Kindern zwischen 14 und drei Jahren. Sie war deswegen schon bei mehreren ÄrztInnen, Psychotherapeuten und im Krankenhaus, um sich wieder aufpäppeln zu lassen. Aber wirklich geholfen hat nichts.
Die zarte 34-Jährige nimmt einen Schluck Wasser und erzählt von ihren Zukunftsängsten. Die finanzielle Situation sei sehr angespannt. Ihr Mann ist Sozialpädagoge und arbeitet in der mobilen Betreuung. Regina B. putzt Gastronomieküchen.
Eine Freundin erzählte ihr von MIA. MIA (Miteinander Auszeit) ist ein 19-tägiger Kuraufenthalt im oberösterreichischen Bad Hall für Mütter beziehungsweise Väter gemeinsam mit ihren Kindern zwischen zwei und zwölf Jahren. Der Therapieplan wird individuell auf die Bedürfnisse der TeilnehmerInnen abgestimmt und umfasst psychotherapeutische Gruppen, Beratung in Erziehungsfragen, Bewegungs- und Entspannungsangebote. Die Kinder werden von PädagogInnen betreut, schulpflichtige Kinder erhalten Lernbetreuung.

ZU HOHE ANSPRÜCHE AN SICH
Das Projekt MIA wurde 2009 mit drei jährlichen Turnussen in Bad Schal­lerbach gestartet und wird seit 2015 ganzjährig in Bad Hall angeboten. „Der Bedarf ist sehr groß. Zum Teil ist das Angebot aber noch zu wenig bekannt“, sagt Helga Pollheimer, Leiterin von MIA. Der Kuraufenthalt ist für Eltern gedacht, die sich überlastet fühlen, die aber noch keine psychischen Erkrankungen haben. Die Hauptzielgruppe sind Mütter, da sie häufig die Hauptlast der Familienarbeit tragen. Das Angebot steht aber auch Vätern offen. Die Belastungen für Eltern hätten zugenommen, stellt Helga Pollheimer fest, und zwar dadurch, dass beide arbeiten gehen und die Unterstützung durch die Großfamilie oft nicht mehr gegeben sei. „Wenn dann etwas Außertourliches dazukommt, wie Krankheit, ein Todesfall, Trennung oder Arbeitslosigkeit, kann das zur Überlastung führen.“ Dass Erschöpfungszustände und Burn-out häufige Themen seien, bestätigt auch die Psychologin Katharina Dornetshuber-Roth, die bei MIA mit den Müttern arbeitet. Oft stellten die Mütter zu hohe Ansprüche an sich selbst und nähmen sich zu wenig Zeit für eigene Bedürfnisse. „In den Köpfen ist noch immer verankert: ,Ich muss mit allem zurechtkommen, sonst gelte ich nichts.‘“ Psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen sei noch immer ein Tabu. Die professionelle Außensicht könne jedoch helfen, Denkanstöße für Veränderungen zu geben. So kann es zum Beispiel hilfreich sein, sich darauf zu besinnen, was man früher gerne gemacht hat, und dies wieder in den Alltag zu installieren.

Anne Imbery, Leiterin der mobilen Dienste der Caritas in OÖ, beobachtet ebenfalls eine große Hemmschwelle seitens der Eltern, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Familienhilfe der Caritas bietet in ganz Österreich kurzfristige Unterstützung in schwierigen Lebenssituationen (www.caritas.at). Gerade auf dem Land gebe es oft den Wunsch, die FamilienhelferInnen sollten keine Dienstkleidung tragen, damit sie nicht sichtbar seien. „Ich finde es befremdlich, dass man sich trauen muss, Hilfe in Anspruch zu nehmen.“
Karin Schmid-Reisenbichler schleppt einen Aktenkoffer und einen Trolley in ihr Büro in der Johanneskirche in Linz. Die Mutter von drei erwachsenen Kindern gründete 2007 den Verein MUKIKU für Mutter-Vater-Kind-Kuren. Sie war federführend an der Einführung von Eltern-Kind-Kuren nach dem Vorbild Deutschlands, wo es dieses Angebot schon seit mehr als 60 Jahren gibt, beteiligt. 2008 wurde EMMA, ein Kurangebot für Eltern gemeinsam mit ihren Kindern mit Beeinträchtigung, als Pilotprojekt gestartet, ein Jahr später MIA.

Lesen Sie weiter in „Welt der Frau“ 10/16.

Unterstützung für Eltern

MIA ist ein Kuraufenthalt für Mütter (beziehungsweise Väter) mit deren Kind(ern), organisiert von Land Oberösterreich, OÖGKK und „pro mente Reha GmbH“. Das präventive Angebot soll dem vermehrten Auftreten psychischer Erkrankungen entgegenwirken. Der Antrag auf Kur ist über den Hausarzt/die Hausärztin oder einen Facharzt zu stellen. „Wir prüfen dann, ob die Voraussetzungen passen“, so Helga Pollheimer, Leiterin von MIA. Versicherte anderer Kassen benötigen eine chefärztliche Bewilligung. Die Kosten werden übernommen, der Selbstbehalt richtet sich nach dem Einkommen. Infos: www.promente-reha.at, www.oegkk.at

EMMA ist ein Kurangebot für Eltern von Kindern mit Beeinträchtigung in OÖ.
Infos: www.oegkk.at

MUKIKU bietet Eltern-Kind-Kuren in Österreich.
Infos: www.mukiku.at

Erschienen in „Welt der Frau“ 10/16 – von Julia Langeneder