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Bianca und ihre geheimen Gäste
Ihr Restaurant sind fremde Wohnzimmer, ihre Messer wetzt sie in privaten Küchen unbekannter GastgeberInnen. Ihre Gerichte serviert sie einer anonymen Tafelrunde. Bianca G. lädt zu einem Abend in der „Geheimen Schnatterei“.

Es dämmert gerade, als das Taxi vor einem Einfamilienhaus irgendwo im Linzer Süden anhält. Die Adresse hatten die Fahrgästenur 24 Stunden vor dem Termin von der „Zentrale“ erhalten, per Mail. Ein kleines, nur für Eingeweihteerkennbares Zeichen an der Tür sagt ihnen, dass sie hier auch wirklich richtig sind. Sie kennen den Namen der Menschen nicht, bei denen sie gleich läuten werden. So wie diese den ihren nicht kennen. Und auch nicht den der anderen Gäste, die an diesem Abend an ihrem Esstisch Platz nehmen werden. Wir befinden uns im Restaurant der „Geheimen Schnatterei“. Eine angesagte Location, die morgen hier schon nicht mehr zu finden sein wird. Doch heute Abend sind die Plätze am Tisch heiß begehrt. Aber psssst! Alles streng geheim!

KOCHEN IM UNTERGRUND
Die Frau, die an diesem Abend die Rührschüsseln, Pfannenwender und sämtliche Fäden in der Hand hält, ist Bianca Gusenbauer. Soviel sei verraten. Wenn sie ihre schwarze Kochschürze mit dem roten Kreis als Logo der „Geheimen Schnatterei“ anzieht, dann baumeln an ihren Ohren passende kugelrunde rote Ohrringe – und dann agiert sie sozusagen im kulinarischen Untergrund! Denn die 34-Jährige kocht nicht bei sich zu Hause. Sie übernimmt lieber das Kommando als Guerilla-Köchin in fremden Küchen. Als Organisatorin und Zeremonienmeisterin eines außergewöhnlichen Abends versammelt sie dabei bis zu 14 einander unbekannte Menschen zu einem geheimen Dinner um sich, in Wiener Dachgeschosswohnungen oder in Linzer Einfamilienhäusern. Wo immer sie eingeladen wird, um ihr Konzept des „Social Dining“ umzusetzen, bei dem sich ganz unterschiedliche Menschen an einem Tisch versammeln.
Das ist aufregend, das hat etwas Konspiratives. Niemand weiß wirklich, was ihn erwartet, wenn die Tür zur „Geheimen Schnatterei“ aufgeht, denn auch das Menü des Abends wird streng geheim gehalten. Klar ist nur: Es wird geschlemmt, es wird geplaudert, es wird gelacht – oft bis in die frühen Morgenstunden. Wenn 14 Fremde aufeinandertreffen, dann haben sie sich viel zu erzählen.

Dass Fremde schnell zu FreundInnen werden, und sei es auch nur für einen Abend, liegt nicht zuletzt an der Persönlichkeit von Bianca Gusenbauer. Mit ihrer fröhlichen Gelassenheit geht die 34-Jährige so locker, offen und selbstverständlich auf Menschen zu, dass spätestens beim Aperitif das Eis nicht nur in den Gläsern zu schmelzen beginnt. Aus der anfänglich verhaltenen Spannung wird in der „Geheimen Schnatterei“rasch eine saloppe Atmosphäre, in der sichjeder bzw. jede frei bewegen kann – natürlich auch ganz unbefangen ins Badezimmer der GastgeberInnen zur Zahnbürstenkontrolle.

DER REIZ DES UNBEKANNTEN

„Ich koche gerne für Gäste. Und ich hatte es satt, immer dieselben Leute am Tisch sitzen zu haben. Ich mag es, neue Menschen und ihre Geschichten kennenzulernen. Aber ich konnte mir ja nicht einfach Leute von der Straße einladen. Die hätten doch alle gedacht: Was will die von mir?“ So erfand die gebürtige Tragweinerin vor zwei Jahren die „Geheime Schnatterei“ und packt seither mindestens einmal im Monat Lebensmittel, Messer und Gewürze zusammen, um damit in fremden Küchen zu kochen. Ihre GastgeberInnen kennt sie meist nur aus dem Internet, wo sie sich auf der Homepage der „Geheimen Schnatterei“ anmelden können. Bianca Gusenbauer lädt dann aus dem mittlerweile großen Fankreis der „Schnatterei“ die weiteren Gäste per E-Mail-Verteiler ein und übernimmt auch alle Vorbereitungsarbeiten für den Abend.

Zu Beginn sind die Gespräche vorsichtig abtastend. Schließlich will man ja nicht gleich in ein Fettnäpfchen treten. Doch nach kurzer Zeit kennt man zumindest die Berufe aller Gäste der Dinnergesellschaft und hofft, sich auch die Vornamen richtig gemerkt zu haben. Und während man selber mit Thomas, dem Lehrer, über eine Anekdote von seiner letzten Schullandwoche schmunzelt, bei der er sich mit der hingestreuten Anmerkung, er sei „ein Kuschler“ ein Einzelzimmer erkämpft hatte, tönt vom anderen Ende der Tafel schallendes Gelächter. Peter, der Arzt, und die Studentin Iris haben festgestellt, dass sie zum gleichen Zahnarzt gehen und dieser jedem Patienten offenbar dasselbe schale Witzchen zur Entspannung erzählt. Vielleicht trifft man sich ja mal im Wartezimmer.

ERNST UND HEITER

Bei einem Dinner in der „Geheimen Schnatterei“ wechseln nach jedem Gang die Gäste ihre Sitzplätze, sodass man mit jedem und jeder mal ins Plaudern kommt. Nicht immer bleiben die Gespräche oberflächlich. Die aktuelle Innenpolitik wird ebenso diskutiert wie die Anforderungen, die auf Christian zukommen, der sich gerade als Webdesigner und Filmer selbstständig gemacht hat. Druckfrische Visitenkarten werden verteilt. Denn warum sollte nicht jemand einen kennen, der gerade eine neue Homepage braucht.

Als sich die zufällige und dennoch schon recht eingeschworene Abendgesellschaft auf den Heimweg macht, ist es weit nach Mitternacht. In der Küche stapeln sich Teller und Töpfe. Gastgeber Sebastian ist dabei, den Geschirrspüler das erste Mal einzuräumen. Man verabschiedet sich herzlich wie von langjährigen FreundInnen. Und mit der Haustür schließt sich dieses Kapitel der „Geheimen Schnatterei“. Doch bald wird anderswo eine neue Tür in ein unbekanntes Haus mit unbekannten GastgeberInnen und Gästen aufgehen. Aber psssst! Alles streng geheim!