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Bilderbuchschnee<br>ab 5 Jahren

Noch ist es zu bald, den schneearmen Winter zu beklagen. Meine Sehnsucht nach der weißen Decke, die uns diese besondere Stille schenkt und uns ausruhen lässt, ist trotzdem bereits groß. Das hat sicher mit dem glücklicherweise sehr trubeligen Weihnachtsgeschäft im „Kleinen Buchladen“ zu tun. Ich mag diese Lebendigkeit, das Summen der Kunden und Kundinnen wie Bienen, das scheinbar ziellose Herumschwirren auf der Suche nach dem passenden Buch, die Anfragen am Telefon, von ganz nah und weiter weg, oft bei schlechter Verbindung, oft ganze Listen, oft nur beschreibend, nur mit Fragmenten von Buchtiteln oder Autoren, dennoch erwartungsvoll – und wir bemühen uns, das Gesuchte aufzutreiben, nachzuforschen, wo noch in den letzten Arbeitstagen vor dem Fest der gefragte Titel lieferbar sein könnte, damit sich die Wünsche erfüllen. Selbstverständlich kommt verlässlich der Zeitpunkt, an dem ich froh bin, die Ladenschlusszeit in greifbare Nähe rücken zu sehen.

Am Ende eines solch emsig verbrachten Tages, nachdem ich in der Dunkelheit mit dem Radl nach Hause gerollt bin, verrolle ich mich zufrieden aufs Sofa. Ich weiß, was mir nun wohl tut: mir den aktuell schönsten Bilderbuchschnee anzusehen. Das Bedürfnis nach heiler Welt, nach schweigsamem Alleinsein im Sinne von eins mit Allem sein, ist dann ganz deutlich da. Und das Vertrauen, gut aufgehoben zu sein in einem großen Ganzen, das kommt dabei fast genauso leise und gewiss, als ob ich unter dicken Flocken draußen in der friedlichen Welt spaziere und die erste Schicht Schnee unter meinen Sohlen knirscht. Da darf dann ruhig Klein Bambi am Buchcover zu Füßen der Mutter an gefrorenen roten Äpfeln im Schnee knabbern und ich finde es nicht kitschig, sondern einfach nur wunderbar.

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In einer weißen Winternacht als du in deinem Bett geschlafen hast, eingehüllt in eine federweiche Decke, habe ich ein Bild für dich gemalt – unweigerlich denke ich an eine Mutter, die tatsächlich, während ihr Kind schläft, auf einem Blatt Papier zu zeichnen beginnt. Erst nach und nach geht mir auf, dass es auch „Mutter Erde“ sein könnte, die sich im Winter in ein schneeweißes Kleid hüllt und ihre äußere Erscheinung verwandelt. Die berührende Widmung der kanadischen Autorin Jean E. Pendziwol ganz am Ende des Buches „Für J., K. und A., in liebevollem Gedenken an ihre Mutter, meine schöne Schwester Teresa“ lüftet das Geheimnis und erinnert uns an unsere Ahnen, unsere Wurzeln in der geistigen Welt. Wenn wir das wollen, werden sie immer fürsorglich und liebevoll mit uns verbunden sein.

Schritt für Schritt durchwandern wir den Garten, vorbei an den schneebedeckten Föhren und Birken, treffen nachtaktive Tiere wie die Eule, Hasen, den Fuchs, eine kleine Maus unter dem Futterhäuschen. Am Himmel erscheinen nach den dicken Schneewolken die Sterne und setzen sich als Eiskristalle wie Diamanten auf die Zweige der Trauerweide. Grüne Nordlichter huschen über den Nordhimmel, flüchtig wie die Eichhörnchen links und rechts auf den Ästen der Kiefern. Eisblumen zaubern dem Fenster einen schimmernden Rahmen. Der Blick des Kindes hinaus erfasst ein Bild der Welt in voller winterlicher Pracht. Die einzelnen Stationen der Gute-Nacht-Geschichte sind auf einer Doppelseite zu sehen. In traumhaft sanftes Blau getaucht.

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Bevor der Text laut vorgelesen wird, sollte man ihn unbedingt gut kennen und die Assoziation mit dem Wiegenlied nicht vernachlässigen: Das Original „Once upon a northern night“ lässt die lyrischen Zeilen überzeugend und harmonisch aufeinanderfolgen. Schade, dass sich das „nordische“ nicht so leicht in den Titel und den jeweiligen Versbeginn einfügen lässt. Die für unsere Breiten fremden grünen Nordlichter würden plausibler wirken. Das liegt sicher nicht an der Übersetzerin Brigitte Elbe – ihr Text ist originalgetreu und trotzdem eine wunderschöne Neuschöpfung –, sondern an unserer Sprache selbst. Das Deutsche ist sehr präzise und erscheint mir im Vergleich zum Originaltext weniger geschmeidig. Einem müden Kindergartenkind, das gern auch jünger als 5 Jahre (so die Altersempfehlung des Verlages) sein kann, vor dem Einschlafen nach dem deutschen auch das liedhafte kanadische Original vorzulesen, würde ich gerne ausprobieren. Die englischen Sprachklänge tönen weich ins Ohr. Und Kinder möglichst bald mit anderssprachigen Worten in Kontakt zu bringen, ist sowieso eine gute Idee: Sylvia Plaths „Bett-Buch“ für Erwachsene und Kinder, siehe weiter unten, ist schließlich auch zweisprachig!

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Apropos Bilderbuchschnee: Je kostbarer die weißen Flocken in unserer Winterwirklichkeit werden, umso wichtiger wird garantiert der Schnee im Bilderbuch. Meine hochgeschätzte Lehrerin aus der Schweiz, Barbara Schwarz, hat für den Start des Adventskalenders der LeseanimatorInnen des SIKJM (Schweizerisches Institut für Kinder- und Jugendmedien) eine spitzenmäßige Auswahl an Bilderbuchschnee zusammengetragen, 9 Mal schneit es, und ich möchte ihr dafür ganz herzlich danken! http://www.leseanimation.ch/aktuell/schnee-0

 

 

Once Upon a Northern Night, Video zum Buch:

https://www.youtube.com/watch?v=LYMSrz5NI5M

Jean E. Pendziwol (Text) und Isabelle Arsenault (Bild)

In einer weißen Winternacht

Ab 5 Jahren

Freies Geistesleben 2016

978-3-7725-2682-4

 

 

Gute-Nacht-Geschichten für Kinder gibt es zuhauf. Auch für Erwachsene gibt es Bücher, die das Bett als idealen Aufenthaltsort nicht nur schmackhaft machen wollen, sondern regelrecht lobpreisen. Ich erlaube mir, hier drei Tipps für uns Große anzubringen:

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Meredith Gaston

Dein Bett liebt Dich!

Das Wohlfühlbuch für Einkuschelkünstler

978-3-8369-5743-4

 

Nicolas Mahler

Das kleine Einschlafbuch für Große

Suhrkamp Taschenbuch Flexcover 2016

978-3-518-46723-7

 

Sylvia Plath (Text) und Rotraud Susanne Berner (Bild)

Das Bett-Buch

Für Erwachsene und Kinder

Zweisprachig, aus dem Englischen von Eva Demski

Insel Bücherei 2016

978-3-458-19424-8

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt als Buchhändlerin in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin des „Kleinen Buchladens“ sieht sie sich als Vermittlerin – als Leseanimateurin für Kinder besucht sie Bibliotheken und Kindergärten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und tritt fallweise als Grille oder sogar Meerjungfrau auf.

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