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Provinz- und Heimatkrimis boomen wie verrückt. Was ist so anziehend an der mörderischen Kehrseite der Postkartenidylle?


Es kommt ganz dick im Herzen des Salzkammerguts: Mitten in der Hochsaison wird die Leiche des Hollywoodstars Vera Kaprisky knapp unterm Gipfelwirtshaus des Bad Ischler Siriuskogels gefunden. Pikant an der Sache ist mehreres. Die zu internationalem Filmruhm gelangte Tote stammt aus der Gegend, drehte hier an einer nun gefährdeten Fortsetzung der berühmten Sisi-Filmtrilogie und stand mit einer ganzen Reihe der männlichen Regionalprominenz zwischen Gmunden und Bad Ischl in verdächtig engem Kontakt. Bürgermeister, Kurdirektor, Star-Konditor, Lokalreporter, Bauunternehmer – sie alle und noch einige mehr muss Inspektor Gustl Brandner aus Gmunden anfangs als potenzielle Täter in Betracht ziehen. Auch „Krapfi“, den Wirt in einem von Brandners Gmundener Lieblingslokalen, verbindet ein Jugendabenteuer mit der Ermordeten. „Die Ischler haben sie auf dem Gewissen. Die Kaiserdeppen, die Narrischen!“, schreit denn auch der Exliebhaber erzürnt, und schon ist man mitten drinnen in der alpinen Krimiposse aus der Feder des 39-jährigen Kunsthistorikers Bernhard Barta. „Sissis Tod“ heißt das Buch, das erste aus Bartas neuer Salzkammergut-Krimiserie.

Barta, der zwischen Wien und dem Salzkammergut pendelt, liegt damit voll im Trend. Denn die Provinz, die Kleinstadt, das Dorf und die Berge haben sich in den letzten Jahren zu höchst erfolgreichen Schauplätzen für Kriminalhandlungen gemausert. Die Buchbranche nennt das abwechselnd „Regio-„, „Provinz-„, „Alpen-“ oder „Heimatkrimi“. Allgäu und Ausseerland, Wolfgangsee und Niederbayern, Garmisch-Partenkirchen und Steiermark, Ostfriesland und Schneeberg, Sylt und das oberbayrische Miesbach – wenn man wollte, könnte man natürlich genauso die höchst erfolgreichen Périgord-Krimis um den knurrigen „Bruno, chef de police“ aus der Feder des Schotten Martin Walker dazurechnen.

Was ist da los? Provinzkrimis schießen wie Schwammerln aus dem Boden. Den ländlich-bodenständigen ErmittlerInnen, PolizistInnen und selbst berufenen SchnüfflerInnen, die dem Verbrechen via TV auf den Fersen sind („SOKO Kitzbühel“, „Vier Frauen und ein Todesfall“, „Der Bulle von Tölz“ etc.), folgen längst schon die RegionalkriminalistInnen in der Literatur.

LUST AN DER HÜTTENGAUDI
Mord und Verbrechen sind der Rahmen, innerhalb dessen zünftig geflucht und am Stammtisch gesessen wird und eine Zeitangabe wie „zwei Leberkässemmeln später“ – aus Rita Falks „Sauerkraut-Koma“ – einen sicheren Lacher einbringt. Den Abgründen hinter der ländlichen Postkartenidylle verdankt sich die Spannung der Heimatkrimis, ihren Charme verleiht ihnen das Lokalkolorit, die Kauzigkeit des Personals und nicht selten das – mit mehr oder weniger Brachialironie – beschworene Klischee. Innerhalb der riesigen Regio-Krimi-Szene gibt es exzellente, mittelmäßige und nach Schema F zusammengekleisterte Storys wie in jedem anderen literarischen Genre auch.

Der persönliche Geschmack der LeserInnen tut das Seine, die Spreu vom Weizen zu trennen. Das Verlagsmarketing passt jedenfalls zum Inhalt: Die Buchcover zeigen Hirschgeweihe, Bierkrüge, Lodenhüte, nagende Biber, Lederhosen, Herzen oder Würstel mit Sauerkraut. Die Buchtitel sind häufig nicht minder einschlägig: „Kuhhandel“, „Hüttengaudi“ oder „Platzhirsch“ wie bei den äußerst politischen Allgäu-Krimis von Nicola Förg, „Steirerherz“, „Steirerblut“ und „Steirerkind“ der Wiener Ex-Werbetexterin Claudia Rossbacher oder „Föhnlage“, „Niedertracht“ und – zuletzt – „Unterholz“ aus der Feder des bayrischen Musikkabarettisten und Krimi-Bestsellerautors Jörg Maurer. Dessen Garmisch-Partenkirchener Ermittler Hubertus Jennerwein trägt noch dazu denselben Familiennamen wie der legendäre bayrische Wilderer Girgl Jennerwein (1848- 1877), der unter mysteriösen Umständen gewaltsam zu Tode kam.

„Irgendwo muss er ja spielen, der Krimi, und weil ich mich im alpinen Raum nun einmal am besten auskenne, habe ich als Schauplatz diesen Ort gewählt. Es handelt sich also bei mir um einen reinen Zufall. Wenn ich in Hamburg aufgewachsen wäre, in Ystad oder in Santa Monica, würde ich meine Kriminalromane dort spielen lassen“, sagt Maurer.

LÄNDLICHE ÜBERRASCHUNG
Jörg Maurers Bücher gehören zu den pfiffigsten, sprachverspieltesten und komischsten in diesem Feld. Einen Grund für den Alpenkrimiboom sieht der Autor darin, „dass die Fallhöhe ab fünfzehnhundert Metern ziemlich groß ist, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn“. Denn „Alpen assoziiert der Nichtalpler zunächst einmal mit Urlaub, Entspannung, Sport, Idylle, Kuhglockengeläute. Umso überraschender ist es dann, dass gerade dort ein Verbrechen passiert.“ Mit diesem Spannungsverhältnis spielt gerade Maurer daher besonders gern: Die internationale Auftragskillergruppe, die in seinem jüngsten Alpenkrimi „Unterholz“ auf der entlegenen Wolzmüller-Alm zu einer Art Fortbildungsseminar zusammentrifft und es plötzlich mit einer gesichtszerfressenen Toten aus ihren eigenen Reihen zu tun bekommt, ist natürlich davon überzeugt, dass die örtliche Polizei aus einfältigen Tölpeln und Landeiern besteht. Die Dunkelheit bei Maurer ist „lederhosenschwarz“, die Leute heißen Kuhschnappel und Ganshagel, und ein Holzstamm in einer alten Holzriese wird zum perfekten Vehikel für eine rasante Verfolgungsjagd.

NEUE BESCHAULICHKEIT
Hinter jedem Bierzelttisch kann ein mörderischer Abgrund lauern. Und doch scheint die Welt am Land überschaubarer. Der Erfolg der Regio- und Provinzkrimis ist auch eine Reaktion auf Globalisierung und Wirtschaftskrise, auf Beschleunigung und Zukunftsangst, so lautet eine häufige Erklärung. Das entspricht dem allgemeinen Trend der letzten Jahre zu Landleben, Landidylle und Rückzug ins Beschauliche, wo die Welt vermeintlich noch in Ordnung ist. Und wenn das schon nicht, dann ist es einem wenigstens vertraut: „Der Veränderungsdruck, der Zwang, mit jeder technologischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung Schritt halten zu müssen, führt zwangsläufig zu Rückwärtsgewandtheit und zu dem Gefühl, es müsse doch irgendwo irgendetwas Stabiles und Bleibendes in unserer Welt geben“, sagt Herbert Dutzler, einer der erfolgreichsten heimischen AlpenkrimiautorInnen.

Der Held seiner Altaussee-Krimis, der Polizist Franz Gasperlmaier, ist der personifizierte Spiegel dieses Sicherheitsbedürfnisses. Gasperlmaier ist meistens vor allem eins – überfordert. Vor dieser Überforderung im Privaten wie im Beruflichen rettet er sich in die Wiederholung. Am liebsten hätte er, „dass alles so bleiben möge, wie es immer war“, sagt sein Erfinder Herbert Dutzler, der als Lehrer in Schwanenstadt lebt und arbeitet. Gleicher Stammtisch, gleiches Wirtshaus, gleiche Frau, gleiche Lederhose, gleicher Ort. In Dutzlers neuem, dritten Gaspermaier-Krimi „Letzte Bootsfahrt“ hat es sein einsilbiger, herrlich unverwechselbarer Held mit Leichen zu tun, denen der Mörder recht unwürdig die Hose über den Hintern heruntergezogen hat.

„Die Leser lieben Dutzlers Krimis“, sagt der Vöcklabrucker Buchhändler Michael Neudorfer, der festgestellt hat, dass viele ganz bewusst nach Krimis mit Regionalbezug suchen: „Dutzler ist der Gefragteste von allen. Da kaufe ich jetzt schon zehnmal so viele Exemplare ein wie bei seinem ersten Krimi 2011.“

KAUZIGE TYPEN
Neben dem Antiglobalisierungseffekt spielt sicher der Wiedererkennungswert eine gewichtige Rolle. „Die Leute lieben es offenbar, die Schauplätze persönlich zu kennen, ob als Einheimische oder Urlauber. Das Identifikationspotenzial ist in den meisten Fällen einfach höher als etwa mit Miami oder Stockholm“, sagt Steiermark- Krimiautorin Claudia Rossbacher. Die bierernsten, klassischen Spionagekrimis nach US-Vorbild, in denen es um internationale Netzwerke geht, sind out. Die Heimat- und Alpenkrimis gehen einen anderen Weg: In ihnen wird das eigene Umfeld wiederentdeckt. „Die Städte gleichen sich immer mehr, sie verlieren nach und nach ihre Eigenheiten. Vielleicht richtet sich deshalb das Interesse auf die Regionen. Man bildet sich ein, dass da noch große Unterschiede herrschen“, vermutet Jörg Maurer. „Sissis Tod“-Autor Bernhard Barta ist davon überzeugt: „Im inneren Salzkammergut findet man die originellsten, kauzigsten Typen. Wenn man über die schreibt, braucht man sich gar nicht mehr so viel selbst einfallen lassen.“