11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop

Wenn jemand eine zweite Heimat findet, stellt sich irgendwann die Frage nach dem Bleiben. Ihr freiwilliges soziales Jahr in Bolivien war für Anna Antensteiner wegweisend.

Anna, querida! Schau, ich hab grad einen Monsterfinger gebastelt!“ Anna wird begrüßt, als wäre sie gerade einmal für ein paar Stunden fort gewesen. Dass eine halbe Erdumrundung hinter ihr liegt und wie verschieden diese Welten sind, kann Luis nicht wirklich erfassen. Jetzt ist Anna da, im Kinderheim in Huajchilla, einem Dorf südlich von La Paz, und zwar ganzheitlich, mit Kopf und Herz und all ihrer scheinbar unerschöpflichen Energie. „Zeigst du mir, wie man das macht?“, fragt sie den Zehnjährigen und setzt sich zu ihm auf den Boden.

Als Anna Antensteiner (25) im Jahr 2008 zum ersten Mal hierherkam, für zwölf Monate in Bolivien blieb und als Freiwillige in der Sozialarbeit aktiv war, geschah das quasi aus reiner Neugier und in Anna-typischer Offenheit. Aber die Leute gefielen ihr und Bolivien wurde schnell zu einer zweiten Heimat. Seither verbrachte Anna praktisch alle Ferien hier. Nicht um Urlaub zu machen freilich, sondern um „Alalay“ vor Ort tatkräftig zu unterstützen. Diese bolivianische NGO (non-governmental organization) bemüht sich um die Straßenkinder des Landes, bietet ihnen ein sicheres Zuhause. Im Kinderheim bekommen die ehemaligen „Streetkids“ eigene Betten, gesundes, regelmäßiges Essen und spüren menschliche Nähe. Sie besuchen Schulen und arbeiten erst ab dem vollendeten 14. Lebensjahr. Üblicherweise sind in Bolivien, dem ärmsten Land Südamerikas, Kinder schon viel früher ganz selbstverständlich am Arbeitsleben beteiligt.

 HARTE KINDHEIT
Aus ihrem Jahr als Streetworkerin weiß Anna, wie schwer es ist, die Kids aus dem Leben auf der Straße herauszuholen. Um das Bewusstsein für ihre meist schreckliche Lage zu betäuben, schnüffeln die Straßenkinder Klebstoff. Die direkten Folgen des Inhalierens sind fatal: Wie bei einem Vollrausch durch Alkohol sterben Gehirnzellen irreparabel ab, die Schleimhäute der Nase werden verätzt und Lunge, Gleichgewichtssinn, Leber sowie Durchblutungssystem massiv geschädigt. Berauscht fühlen die Kids die nächtliche Kälte nicht, können Gewalt und Hunger ignorieren. An diesem einen Tag, am anderen wieder, und am übernächsten Tag ist die Sucht schon manifest.

Erzwungene Prostitution, soziale Ächtung, Konflikte mit der Polizei und miserable Arbeitsbedingungen machen die Kinder frühzeitig abgebrüht und hart. Vor allem zu sich selbst. Einzig Banden bieten Schutz und Halt, in diesen Ersatzfamilien gehören Schwangerschaften und Babys zum Alltag. Neue Perspektiven sind praktisch nur möglich, wenn die Jugendlichen und Kinder sich helfen lassen. „Wenn sie nicht früh genug aufgefangen werden, wird es immer schwieriger“, erzählt Anna. Die Schnüffelsucht ist oft das Hauptproblem. Aber der gute Kontakt mit den „hoffnungslosen“ Fällen ermöglicht es, jüngere Kinder, die neu zu den Banden kommen, vor dem Abstieg zu bewahren. Anna erlebt immer wieder, dass Kinder, die selbst lange auf der Straße lebten, ihre Geschwister zu Alalay bringen, mit der klaren Bitte: „Könnt ihr euch um dieses Kind kümmern?“ 

MODELL „PATENSCHAFT“
Die ethnisch bunt durchmischte Bevölkerung Boliviens scheut die Unterschicht, der die Straßenkinder angehören, man hat Angst vor Übergriffen, ekelt sich, will nicht gestört werden im aufkeimenden Fortschritt. Sozialpolitische Maßnahmen gibt es kaum, das Land hat genug andere Sorgen zu tragen und Großinvestitionen in wirtschaftliche Projekte zu tätigen. Präsident Evo Morales ist populär und volksnah, doch die Kluft zwischen Arm und Reich wächst auch unter seiner Regentschaft deutlich. Kurzum: 800.000 Straßenkinder sind noch immer eine Realität – und Grund genug für Anna, ihre Lebenspläne nach Bolivien auszurichten.

Aktuell betreut sie 221 Patenschaften für Alalay. Österreichische Patenfamilien überweisen jährlich einen fixen finanziellen Beitrag für die bolivianischen Kinder, die darüber hinaus aber auch persönliche Zuneigung erfahren: Fotos, Briefe und Geschenke werden regelmäßig übermittelt. Die Kinder antworten mit selbst gestalteten Grußkarten; der Verein schreibt jährlich einen Bericht über die Entwicklung eines jeden Kindes. Anna steht zu 100 Prozent hinter dem Konzept der gelebten Solidarität. 

Der mittlerweile 19-jährige Jhasmani, für den Annas Eltern die Patenschaft übernommen haben, wirkt wie ein vertrautes Familienmitglied. Die große Schwester Anna immer wieder in seiner echten Nähe zu haben, ist freilich ein ganz spezielles Privileg, aber alle Kinder mit Paten spüren: „Ich bin nicht allein. Da gibt es jemanden, der interessiert sich für mein Wohlergehen.“ Ein Gefühl, das für viele der Kinder wirklich neu ist. 

WERTVOLLE SCHÄTZE
Die kleinen Erfolge, wenn ehemalige Straßenkinder zu gebildeten, selbstbewussten Jugendlichen reifen, geben Anna Bestätigung. Ein gutes Beispiel ist Lourdes, die nun in einer Bäckerei so fleißig arbeitet, dass ihr Chef die Ausbildung an einer Art Handelsschule mitfinanziert. Und Anna ergänzt: „Die Anerkennung für das, was ich mache, und die Dankbarkeit, die ich zurückbekomme, sind ein jedes Mal wie ein Energieschub. Diese Menschen sind so wertvolle Schätze, ich kann nicht zulassen, dass die Hilfe irgendwann aufhört!“

So will Anna die Arbeit für Alalay zu ihrem Hauptberuf machen. Ihr Studium an der FH für Gesundheits- und Krankenpflege in Wien wählte sie nach sehr rationalen Überlegungen. Bei dem aktuellen Aufenthalt in Bolivien absolviert sie auch ein sechswöchiges Praktikum in einem städtischen Krankenhaus in La Paz. „Ja“, sagt Anna, „ich würde am liebsten in Bolivien leben.“ Denn sie merkt auch selbst, wie sehr sie aufblüht in diesem Land. 

Zweifel kommen ihr aber, wenn sie an die FreundInnen und die Familie in Österreich denkt. Wird sie vielleicht wichtige Bindungen verlieren, wenn sie für mehrere Jahre wegbleibt? Auch andere Argumente gäbe es für ein Leben in Österreich: bewusste, biologische und ökonomisch verantwortungsvolle Ernährung ist in La Paz eher utopisch. Ein fixes, gemeinschaftliches Zusammenleben auf einem Selbsterhalterhof im Waldviertel – das würde Anna ebenso reizen. Viele Interessen und Leidenschaften prägen ihren Charakter. 

Vielleicht ein halbes Jahr jeweils hier und dort verbringen? Es wäre vorstellbar, in der Wintersaison als Snowboard-Trainerin Geld zu verdienen. Und dann könnte Anna von April bis November im geliebten Bolivien ehrenamtlich Gutes tun. Obwohl sie zugeben muss: „Die Zerrissenheit fühlt sich schon jetzt nicht gut an.“ Doch für ehrlich Suchende scheint es immer Optionen zu geben. In Annas Fall wird es aus aktueller Sicht ein gefördertes Projekt für SozialarbeiterInnen sein, das ihr einen längeren Arbeitsaufenthalt ermöglichen soll. Zumindest für zwei Jahre ist Bolivien dann wieder Annas Welt Nummer eins.

Hilfe für die Straßenkinder

„Welt der Frau“- Fotoredakteurin Alexandra Grill besuchte Anna Antensteiner im Herbst in Bolivien. Seither versteht die Fotografin die Begeisterung ihrer jüngeren Cousine für dieses Land und die Leute des Andenstaates noch besser. Von der Qualität der Alalay-Betreuungseinrichtungen beeindruckt, ist sie nun übrigens auch „Madrina“ (Patin) eines Mädchens in La Paz.  Infos zum Projekt: www.alalay.at
Erschienen in „Welt der Frau“ Ausgabe 06/15 – von Alexandra Grill