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Brennpunkte
Vom stillen Ritual des Feuerfernsehens und dem nächtlichen Blick aus dem Flugzeug auf Los Angeles.

Die lieben Kleinen haben neuerdings ein eigenes kleines Bankerl. Freund Hans hat es ihnen getischlert und in den Garten gestellt. Es hat eine Rückenlehne und ist an der Basis kindersicher mit Zusatzleisten verstärkt. Damit es Wippen, Wetzen und Schaukeln aushält. Muss es aber gar nicht. Denn am meisten kommt es für ein stilles Ritual zum Einsatz. Es heißt „Feuerfernsehen“.

Ich glaube, die Kleinen haben das Wort erfunden, wir haben es übernommen. Da sitzen sie dann zu zweit auf ihrem Bankerl vorm Lagerfeuer – traut und innig wie Philemon und Baucis, nur dass sie halt erst vier sind – mit Anoraks, Hauben und Decken und schauen in die Flammen. Funktioniert bombensicher. Feuerfernsehen geht immer. Nicht nur bei ihnen. Auch bei uns.

Winters wie sommers: Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass irgendjemand aus dem Haus gegen Abend ein paar Scheite in die Feuerstelle legt, sie entzündet und sich dazusetzt. Dann kommt ein Zweiter, ein bisschen später eine Dritte und ein Vierter. Langsam wird es dämmrig. Der Lichtschein lockt den ersten Nachbarn herüber. Leicht möglich, dass sich ein, zwei FreundInnen des Hauses dazugesellen, die im Auto auf dem Heimweg einen kurzen Abstecher machen. „Ich hab mir gedacht, ich schau mal, ob bei euch ein Feuerl brennt“, sagen sie, wenn sie kommen und ein Glas in die Hand gedrückt kriegen. Die Bänke und Stühle werden näher ans Feuer gerückt, Decken und Sitzpölster verteilt. Einen gibt es immer, der aufsteht, zum Hackstock geht, mit einem lauten „Wamm!“, das in Kopf und Körper angenehm nachvibriert, ein Holzscheit zerteilt und nachlegt. Neue Flammen lodern auf, Rauch kräuselt sich in lang gezogenen Schwaden in die Höhe und die Funken steigen weit hinauf in den dunklen Himmel. „Wie Glühwürmchen“, sagen die Kleinen auf ihrem Bankerl, während sie wohlig eingepackt ihr Flascherl mit dem warmen Abendkakao einnehmen.

Ein, zwei ziehen ihre Jacken enger um den Körper, wickeln sich von der Taille abwärts in alte Decken, treten näher ans Feuer und halten die Hände mit aufgestellten Handflächen nahe an die Flammen. Drehen sich mit roten Gesichtern um und wärmen sich auch noch die ausgekühlten Rücken.

Es wird mit Haselnussstecken im Feuer gestochert, um es zu schüren. Die Stecken kommen mit angesengten, rot glühenden Enden wieder aus den Flammen heraus. Die Kleinen wirbeln die Stecken mit den Glut­enden durch die Luft und zeichnen Kreise und Achter in den schwarzen Nachthimmel.

Jemand greift sich den alten Spaten und arrangiert, von allerlei Kommentaren begleitet, die brennenden Scheite um, drückt sie näher zusammen oder schichtet sie neu, damit jedes Stück Holz und jedes trockene Ästchen gut Feuer fängt und zur idealen Glut herunterbrennen kann. Die wird dann, wieder mit dem Spaten, ausgebreitet und heißt bei uns „Los Angeles bei Nacht, vom Flugzeug aus betrachtet“.

Eine Fläche von rot, orange, gelb und blau glosenden Brocken, durchbrochen und umgeben von nachtschwarzer Dunkelheit. In diese Glut kann man, genauso wie in die Flammen, endlos schauen, ohne dass einem langweilig würde. Feuerfernsehen eben.  

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 01/14 – von Julia Kospach