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Briefliteratur macht Spaß!<br>für alle, die schon gerne selber lesen

Schreibend oder zeichnend eine bleibende Botschaft für jemand anderen zu hinterlassen, war für mich immer schon magisch. Dass die Beantwortung des Ichs durch ein Du auch schriftlich und mit Zeitverzögerung gelingt, das ist eine der grandiosesten Entdeckungen der Menschheit. Als Schulanfängerin war das eine treibende Motivation für mein Lesen lernen. Wie sehr hätte mir das Buch der Japanerin Megumi Iwasa gefallen!

Für Leseanfänger*innen ist Literatur, in die glaubwürdige Briefe integriert sind, besonders reizvoll. Und wenn wie in den Illustrationen von Jörg Mühle klar wird, wie sich die Schreiberin Giraffe in ihren Nachrichten an Pinguin redlich abmüht und zeitweise richtig plagt die Zeile zu halten, dann fühlt sich die Leserin oder der Leser den Figuren im Buch gleich noch stärker verbunden. Fordernd beim Schreiben lernen ist es ja, die eigenwilligen Buchstaben wie verlangt dazu zu bringen, artig und gut ausbalanciert nacheinander aufzutreten auf dem Zeilenseil. Die Dressur gelingt mit Übung und Freude an der Entstehung linearer Gebilde wie es Schriftzeichen sind.

In Mühles Bildern und handschriftlichen Briefen ist die ganze Lust eingefangen, die entsteht, wenn sich zwei schriftlich austauschen und dadurch eine echte Brieffreundschaft entsteht. Am Anfang war die Langeweile der Giraffe, die selbstverantwortet aktiv wird und den Postdienst des ebenso gelangweilten Pelikans beauftragt. Alle kleinen Freuden des Briefeschreibens – vom Stolz der ersten selbst verfassten Zeilen über die Spannung und Ungeduld des Wartes auf Antwort und der Aufregung bei Ankunft des Briefträgers bis zum Hinauszögern des Brieföffnens, um die Vorfreude noch etwas länger auszukosten – sind in die Geschichte mit hineinverpackt. Und wie das Schreiben von Briefen die beiden, die sich noch nie im Leben gesehen haben, einander näherbringt, ist wunderschön erzählt. Am Ende werden Giraffe und Pinguin die dicksten Freunde.

In Japan ist das Buch seit Jahren Schullektüre. Nun können auch deutschsprachige Kinder die Geschichte von Giraffe und Pinguin für sich entdecken. Mit viel Sinn für Klamauk und Komik schreibt Iwasa, was sie zunächst angeblich geträumt haben soll. Das ist gut vorstellbar, denn so teilweise absurd zusammengewürfelt wirken manche Details und Begegnungen, die auch Ausgangspunkt für nachdenklichen Austausch sein können.

Der Walprofessor beispielsweise, der aktuell nur einen einzigen Schüler unterrichtet: Pinguin, und ihm beibringen möchte, welche Farbe das Meer hat. Blau, meint der Wissbegierige sofort, doch mit einem roten Eimer schöpft er Wasser und plötzlich ist er sich da nicht mehr ganz so sicher. Wiederholt schöpft er, bis ihn die Ankunft des ersten Briefes, überbracht von Robbe, dem Post-Partnerunternehmen im Norden, in seinem Tun unterbricht. Welches Ergebnis die empirische Forschungsreihe zur Farbe des Meeres für Pinguin schlussendlich zutage gefördert hätte, bleibt ungewiss.

Giraffe ist berühmt für ihren langen Hals, wie sie in ihrem ersten Brief verkündet. Dass dem Pinguin unklar sein muss, was genau ein Hals ist, führt zu einem köstlichen Gespräch zwischen Professor und Schüler. „Also, ein Hals ist wohl der schmale Teil, der mit dem Kopf verbunden ist …“ Der Professor schien selbst ein wenig unsicher. Der Pinguin stellt daraufhin etliche pfiffige Überlegungen an und macht den Vorschlag, dass die Stelle vor der Schwanzflosse der Hals des Wals sein müsse. Und dass er dann einen riesengroßen Kopf hätte und deshalb bestimmt so klug sei. Der Professor ist geschmeichelt, kann aber beim besten Willen Pinguins Frage nicht beantworten, wo denn dieser seinen Hals hätte. Prompt wird der Unterricht für beendet und die offene Frage zur Hausübung erklärt. (!) Apropos Hausübung: Mit diesem kleinen Briefroman wird die tägliche Lesehausübung, die oftmals zuhause laut vorgelesen werden soll, garantiert von der Pflicht zum Vergnügen für alle. Ein abwechselndes Lesen würde ich mir, hätte ich noch ein Kind im passenden Alter zu begleiten, keinesfalls entgehen lassen! Für nachdenklich-schmunzelnde Gespräche nebenbei ist sicher gesorgt.

Die Frage nach dem genauen Aussehen des Pinguins bringt die Giraffe auf die Idee, sich als Pinguin zu verkleiden. Dafür sind nähere Erkundigungen einzuholen, siehe Briefwechsel Bild oben. Pelikan hilft bei der Kostümierung und organisiert flugs eine Decke aus dem Storchennest, üblicherweise für den Transport neugeborener Babys in Verwendung. Wie die fixfertig genial als Pinguin verkleidete Giraffe dann aussieht und welche Reaktion sie beim Besuch am Kap der Wale auslöst, verrate ich hier natürlich nicht!

Jörg Mühle (Bild) und Megumi Iwasa (Text):

Viele Grüße, Deine Giraffe

Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe

Moritz Verlag 2017

Für alle, die schon gerne selber lesen

 

P.S. Briefroman für Große: „Schlafen werden wir später“

Diesen Sommer hat mich unter anderem ein schönes dickes Buch erfreut und genährt, das ganz aus Briefen, eigentlich E-Mails, besteht. Ja, dieser Briefroman mag Längen haben und manches wiederholt sich, doch inhaltlich nachvollziehbar. Mir war das Buch ein wonniges Leseerlebnis und verlässlicher Zufluchtsort. Dass viel gejammert wird, das wiegt die Schönheit von Zsuzsa Banks Sprache mit ihrem eigenen Rhythmus, der sensibel schöpferischen Wortwahl und den zahlreichen Zitaten allemal auf. Gedruckt wurde der Text auf feinem, kaum merklich zart gestreiftem Papier, was den Bogen von E-Mails zu nobler Briefliteratur vergangener Jahrhunderte spannt. Ich fühlte mich durch die Darstellung der treuen langjährigen Freundschaft zwischen Márta Horváth, Lyrikerin und Mutter von 3 kleinen Kindern, und Johanna Messner, Deutsch-Gymnasiallehrerin und Dissertantin über A. v. Droste-Hülshoff, über fast 700 Seiten tief beglückt.

Was mich im letzten Viertel als Draufgabe dann freudvoll überrascht hat, waren Zsuzsa Bánks Verweise auf tolle Kinderbücher, vorwiegend aus dem Moritz-Verlag, die ich alle überaus schätze und nur wärmstens empfehlen kann: Chen Jianghongs „Der Tigerprinz“, Anke Kuhls „Alle Kinder“ und Claude Pontis „Das schönste Tal der Welt“ auf S. 533, auf S. 585 dann noch Peggy Rathmanns „Gute Nacht, Gorilla“. Ein schönes unverhofftes Geschenk für mein Kinderliteraturherz!

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt als Buchhändlerin in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin des „Kleinen Buchladens“ sieht sie sich als Vermittlerin – als Leseanimateurin für Kinder besucht sie Bibliotheken und Kindergärten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und tritt fallweise als Grille oder sogar Meerjungfrau auf.

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