11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Bücher Dezember 2013
Spuren in der Stille
Gunnar Gunnarsson nimmt LeserInnen mit in einen Advent der anderen Art“.

Es kann der Tannenkranz mit den vier Kerzen sein, der Geruch von Vanillekipferln und Zimtsternen, die Roratemesse am frühen Morgen. Die Vorweihnachtszeit – für jeden bedeutet sie etwas anderes. Für Benedikt aus Gunnar Gunnarssons Erzählung „Advent im Hochgebirge“ ist es die Wanderung in jene abgeschiedenen Gegenden Islands, in denen niemand überwintern kann außer ein paar Vögeln, Fischen und Polarfüchsen.

Den Sommer über haben oben im Hochland die Schafe geweidet, im Herbst hat man sie zusammengetrieben und in die Ställe zurückgebracht. Bis auf jene Tiere, die sich irgendwo in der Wildnis verloren haben. Man musste sie zurücklassen, in der Hoffnung, dass Benedikt sie später doch noch aufspüren würde. Zusammen mit Widder Knorz, einem findigen Fährtenleser, und Hund Leo macht sich der Knecht jedes Jahr Anfang Dezember auf, um die versprengten Schafe heimzuholen und sich damit auf seine Weise dem Weihnachtsfest zu nähern.

„Der Mensch hat viele Arten, sein Leben zu leben. Manche müssen mitten unter ihren Mitmenschen sein, um sich wohl zu fühlen, andere werden erst richtig sie selbst, wenn sie ganz allein sind, jedenfalls hin und wieder.“

Gunnar Gunnarssons Erzählung ist ein wunderbar langsam dahingleitendes Stück Prosa, das uns LeserInnen hineinholt in die fast schon magisch anmutende Abgeschiedenheit der Landschaft : Schritt für Schritt stapfen Benedikt und seine Gefährten dem Heiligen Abend entgegen, geraten in die Fänge eines Schneesturms und begegnen der eigenen Endlichkeit, ehe sie nach den Feiertagen vollends erschöp heimkehren. Wer sich auf diese Geschichte einlässt, wird für ein paar Stunden in der Stille verschwinden und damit Lärm und Hektik der Vorweihnachtszeit vergessen. 

 

KLEIN_54_978-3-15-010604-4 RZ

Gunnar Gunnarsson:
Advent im Hochgebirge.

Aus dem Dänischen von Helmut de Boor, Philipp Reclam jun., Euro 8,20

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 12/2013 – von Susanne Schaber