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Tag #2: Commenda sieht Gelb

Gelb ist die Farbe des Optimismus und der Heiterkeit. Genau das Richtige für die Katerstimmung, die mich heute, nach der Trunkenheit des gestrigen Ankommens, befällt.

Nichts ist in Ordnung und nichts ist mir Recht. War die Hitze gestern kein Problem, so ist sie heute unerträglich. Fand ich die Touristenmassen tags zuvor noch amüsant, empfinde ich nun das Gedränge und das allgegenwärtige Kauderwelsch als nervtötend. Gestern habe ich meine Planlosigkeit genossen, heute macht sie mich kribbelig. Und die Zeit, die gerade noch so langsam verstrich, scheint mir jetzt knapp zu werden. Mein zweiter Tag in Rom, und ich habe noch nichts Richtiges gesehen und erlebt.

So kenne ich mich gar nicht (mehr).

Bewusst auf Gelb zu achten sei die beste Medizin gegen schlechte Laune, Ärger und Stimmungstiefs, so Karen Salmansohn in ihrem netten, aber ein wenig oberflächlichen Entschleunigungsbüchlein WIE MAN SEIN LEBEN VERÄNDERT, INDEM MAN ABSOLUT NICHTS TUT. Mal sehen, ob diese Medizin auch gegen das hilft, was die Buddhisten Monkey Mind nennen, und was sich gerade in meinem Kopf von Ast zu Ast schwingt.

Monkey Mind:
Was ist wohl das kleinere Übel: zu dehydrieren oder permanent auf der Suche nach einer Toilette zu sein?

Yellow Mind:
Schau mal, die Zitronen! Und die bunten Paprika!

Monkey Mind: 
Vielleicht sollte ich ans Meer fahren. Dazu brauche ich aber einen neuen Bikini. Außerdem habe ich noch immer keinen Sonnenhut.

Yellow Mind:
Sieh nur, die hübsche Frau mit der schönen gelben Tasche!

Monkey Mind: 
Muss wirklich jede Fußgänger-Ampel auf Rot umspringen, sobald ich den Zebrastreifen erreiche? Und warum muss ich so total entschleunigt sein, dass ich geduldig und dem Hitzschlag nahe auf Grün warte, während alle anderen bei Rot über die Straße gehen? Und was ist das überhaupt für eine absurde Idee, auf alle öffentlichen Verkehrsmittel zu verzichten und Rom ausschließlich per pedes zu erobern? Und ….

Yellow Mind:
Da steht ein gelber Opel an der Ecke.

Der Kampf ist erbittert und dauert bis nach Mittag. Dann hisst Monkey Mind die gelbe – scusi, die weiße – Flagge.

Ich erlaube mir, den  überteuerten Cappuccino stehen zu lassen, weil der Kellner des Ristorante mir einen Platz in der sengenden Hitze zugewiesen hat. Ich erlaube mir, zehn Meter weiter in einer Bar einen weiteren Cappuccino zu bestellen. Ich erlaube mir, hier zu lesen, und San Pietro, das irgendwo da draußen auf mich wartet, warten zu lassen. Und überhaupt erlaube ich mir, wenn es denn so sein soll, Rom in einer Woche wieder zu verlassen, ohne eine einzige Sehenswürdigkeit gesehen und gewürdigt zu haben.

Wie von selbst komme ich wenig später an der Piazza Venezia vorbei, am Pantheon und an der Piazza Navona. Leichten Fußes überquere ich die Ponte Sant Angelo und stehe plötzlich auf dem Piazza San Pietro. Die Touristenschlangen sind weniger lang als befürchtet, und ich verhülle sittsam meine Schultern, als ich die Basilica Papale betrete.

Schließlich stehe ich vor dem ultimativen Gelb und Monkey Mind steht still.  Ich erlaube mir, kein einziges Foto zu machen und stattdessen meiner Ergriffenheit Raum zu geben, die sich angesichts des Fensters mit der Taube des Heiligen Geistes in mir breit macht.

Alles gelb, alles gut?

Dass Gelb sehen im Nu die Stimmung aufhellt, kann ich nicht bestätigen (sorry, Miss Salmansohn!). Dass es entschleunigt schon eher. Und um Monkey Mind ein Schnippchen zu schlagen, eignet es sich allemal, denn es befördert den Geist verlässlich in den gegenwärtigen Augenblick. Und in dem ist bekanntlich, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, sowieso alles gut.

 

 

Kommentare

One thought on “Tag #2: Commenda sieht Gelb”

  1. Alfred Koch sagt:

    Meine Stimmung hellt es auf, wenn ich mir den kleinen Topf gelber Blumen ansehe, den ich heute gekauft habe. Er steht draußen auf dem Terrassentisch und macht ihn derart einladend, selbst wenn man nicht dran sitzt.

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