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Selbst die biologische Lebensmittelproduktion ist an Masse, Preis und Hochleistung orientiert. Dem modernen Menschen ist sein Essen fremd geworden. Wissen wir eigentlich, was da vor uns auf dem Teller liegt? Und wollen wir das wirklich essen? TEXT: Mara Simperler, Fotos: thinkstock, Alexandra Grill, ueberreuter.at

Das Huhn vor mir ist ein Fisch. Genauer gesagt: Die Form der Chicken- Nuggets ähnelt dem, was Schulkinder früher als Fische gezeichnet haben. Heute kommt es vor, dass sie mit dem braunen Buntstift Fischstäbchen ins blaue Meer malen. Die Chicken-Nuggets sind labbrig und schmecken ein bisschen nach Salz und Pfeffer, ein bisschen nach Huhn und vor allem nach nichts und Popcorn. Vor ein paar Jahren war die Öffentlichkeit furchtbar empört, als bekannt wurde, dass Hühner mit Fischmehl gefüttert wurden. Dass das Huhn auch so ein bisschen etwas vom Fisch hatte, schien absurd. Tatsächlich ist es aber nur Teil des ganz normalen Wahnsinns, der auf unseren Tellern liegt. Beispiel gefällig?

Machen wir einen Test: Was ist das? Vollmilch, Wasser, Erdäpfel; Emulgator: Monound Diglyceride von Speisefettsäuren; Stabilisator: Polyphosphat; Antioxidationsmittel: Fettsäureester der Ascorbinsäure; Gewürzextrakte, Rapsöl, jodiertes Speisesalz, modifizierte Stärke, Verdickungsmittel Xanthan, Säureregulator Natriumacetat; Säuerungsmittel: Zitronensäure; Antioxidationsmittel: Ascorbinsäure; Aroma, Pflanzenöl, Gewürze. Erraten? Es nennt sich Erdäpfelpüree.

In diesem Erdäpfelpüree sind genau sechs Prozent Erdäpfelflocken, und auch die bestehen außer dem namengebenden Gemüse noch aus sechs anderen Zutaten. Das Püree schmeckt wie Sägespäne, und so weit auseinander liegen die zwei Sachen auch gar nicht, denn wer weiß schon, ob das Aroma dafür nicht vielleicht aus Holz gewonnen wurde. Vielleicht waren es auch Schimmelpilze, so genau will ich das aber eigentlich gar nicht wissen. Oder doch?

Tatsache ist: Das Erdäpfelpüree auf dem Teller hat mit dem Erdapfel nicht mehr viel zu tun. Genauso wenig wie die Chicken-Nuggets mit einem Huhn. Der Stadtmensch harkt seine Erdäpfel nicht mehr aus der Erde, er trägt einen Zwei-Kilo-Sack aus dem Supermarkt heim. Oder perforiert die Plastikfolie des Fertiggerichts viermal mit der Gabel, bevor er es in die Mikrowelle stellt.

Der moderne Mensch hat den Bezug zu seinem Essen verloren. Vielleicht wissen wir, aus welchem Land die Erdäpfel kommen. Wie sie angebaut, geerntet, transportiert werden, wahrscheinlich nicht. Es stellt sich die Frage: Wenn wir uns plötzlich wieder selbst um unser Essen kümmern müssten, würden wir dann alle verhungern?

Deine Tage sind gezählt
Christoph Astner steht inmitten eines Getümmels aus braunen Federn und schüttelt den Kopf: „Ich glaube, dass sich beim Essen niemand mehr was denkt. Jede Woche kommt von jedem Supermarkt ein anderes Werbeblatt, und das billigste Angebot hab ich auf dem Teller“. Astner ist einer der Letzten seiner Art, er hat einen Biobetrieb mit 1.000 Legehennen. „Nur 1.000“ müsste man sagen, denn auch in der Biohaltung fangen die meisten Betriebe bei rund 3.000 Hennen an. Sein Hof in der Kelchsau in Tirol kommt der Idylle nahe, die sich viele Menschen als den Ort vorstellen, von dem ihre Frühstückseier und ihr Käse kommen. An der Wand des Stalls sind Sitzstangen angebracht, die Tür zur Wiese ist im Sommer immer offen; wenn die Hühner pro Tag zwanzigmal ein und aus laufen wollen, dürfen sie das, auch wenn sie durch die Bewegung mehr Futter brauchen. Normal ist das nicht.

Kartoffeln und Hühner in der Form, wie sie der moderne Stadtmensch kennt.

Normal ist nicht, dass die Hennen jetzt schon 15 Monate alt und noch immer hier sind. Normal wäre, dass sie schon nach einem Jahr wieder abgeholt werden und ein eher unwürdiges Ende finden -verbrannt in der Tierkörperentsorgungsanlage oder zerschnipselt im Häcksler.

Die Tage der Hühner sind gezählt, genau abgezählt nämlich. In der Brutfabrik müssen Küken nach genau 21 Tagen aus dem Ei schlüpfen, sonst werden sie zu einem Brei aus Fleisch, Knochen und gelben Federn zermanscht. Den Minihähnen droht dieses Schicksal in jedem Fall, denn die männlichen Küken werden aussortiert und entsorgt. Die weitere Lebensdauer bestimmt sozusagen der Beruf des Huhns. Soll es Eier legen, darf es rund ein Jahr leben, will der Mensch daraus Hühnerbrustschnitzel machen, sind es im konventionellen Betrieb nie mehr als 35 Tage.

Hybridhenne, voll designt
Hühner, die am Bauernhof zwischen den Grashalmen scharren, sehen gesund und natürlich aus. Das braune Federkleid ist aber genauso maßgefertigt wie das gesamte Huhn. „Lohmann Brown Classic“ heißt die Rasse, neben ihr bietet der Lohmann-Konzern noch sieben andere Rassen an, alle „wettbewerbsfähig“, mit“großem Durchhaltevermögen in der Legeleistung“, „guter Schalenstabilität“ und von „ausgezeichneter Gesundheit“, wie es auf der Homepage des Unternehmens steht. Das Huhn, ein Designerprodukt.

„Fast alle alten Rassen sind verschwunden“, sagt Clemens G. Arvay. Er ist Agrarbiologe, hat sich im Buch „Der große Bio-Schmäh“ damit auseinandergesetzt, wie nahe industrielle Betriebe und die scheinbare biologische Idylle beisammen liegen. Er ist ein scharfer Kritiker der gängigen Praxis im Eiergeschäft: „Lohmann Brown Classic – die weltweit dominierende Hybridhenne – ist biologisch total degeneriert. Die kann sich nicht mehr selbst fortpflanzen. Der Bauer ist immer gezwungen, den Nachwuchs einzukaufen. Das genetische Gut, das sich über zehntausend Jahre in den alten Rassen gespeichert hat, geht einfach den Bach runter.“

 Es sind nicht nur die alten Rassen, die verschwinden. Es ist auch eine traditionelle Funktion des Huhns. Das Suppenhuhn ist ausgestorben, sozusagen. Früher galt Hühnersuppe als Medizin. Das Huhn wurde geopfert, damit der kranke Mensch wieder zu Leben kommt. Heute werfen die Menschen einen kleinen Würfel in kochendes Wasser. „Eine Suppenhenne kannst du heute nicht mal mehr jemandem schenken, das will keiner mehr“, sagt Christoph Astner.

Früher einmal hätten Astners Tiere als Suppenhühner ein ehrenhaftes Ende gefunden. Heute muss er sie an Unternehmen verschenken, die Gewinn damit machen, die ausgedienten Legehennen zu holen und sie zerschnetzelt und wieder zusammengesetzt als Chicken-Nuggets zu verkaufen. Würde Astner nicht mit solchen Unternehmen zusammenarbeiten, müsste er die Tiere selbst loswerden. Im Klartext: Er müsste sie umbringen lassen, ohne dass ihr Fleisch verwertet würde, und dafür auch noch bezahlen. Die Legehennen von heute sterben nicht, weil sie alt sind, sie sterben, weil sie nur noch an durchschnittlich sechs von zehn Tagen ein Ei legen.

Bauer am Fliessband
Clemens G. Arvay erzählt von Hühnerbetrieben, die Hightechhallen gleichen. Die Hühner werden automatisch verwogen, das Gewicht an den Konzern gesendet. „Der Bauer selbst muss nur noch mit den Maschinen gut umgehen können, muss wissen, wie er Fließbänder bedient, und wie er das Futter nachfüllt. Der ist eigentlich kein Bauer mehr, er ist nur noch ein Hühnerfütterer.“ Am Ende dieses leidvollen Vogellebens steht ein sogenannter „Harvester“, ein überdimensionierter „Staubsauger“, der durch die Halle fährt und die Hühner einsaugt, damit sie später ebenso maschinell geschlachtet werden können. Das Tier lebt nicht mehr, es wird „produziert“.

Klaus Dürrschmid von der Universität für Bodenkultur in Wien erforscht die sensorische Wahrnehmung des Menschen im Kont
ext von Lebensmitteln. Er erklärt, dass seit den 1950er-Jahren eine immer stärkere Entfremdung der KonsumentInnen von den Lebensmitteln stattgefunden habe: „Sie fassen die Produkte als völlig austauschbare Konsumartikel auf, die man wie eine Zahnbürste einfach verwendet und wegschmeißt, wenn sie einem nicht mehr gefallen.“

Vom Heiligtum zum Abfall
Bräuche und Traditionen in allen Kulturkreisen zeugen davon, welch hohen Stellenwert die Nahrung hatte, als sie für die meisten noch ein knappes Gut war. Heute wird in Wien täglich jene Menge Brot als Retourware weggeworfen, mit der man ganz Graz ernähren könnte. Mit etwas Heiligem geht man anders um. Essen sei früher mit viel größerer Bedeutung verbunden gewesen, sagt Dürrschmid: „So eine Semmel vom Anker zum Beispiel, das ist ja ein Schrott in Wahrheit und nicht irgendetwas Wichtiges, Wesentliches, wo man ein Kreuz reinmacht und das heilig ist, das einen am Leben erhält.“

Es scheint, als hätten viele Menschen vergessen, dass ihre Nahrung tatsächlich zu einem Teil ihres Körpers wird. Möglicherweise kommt das einst heilsame Huhn auch heute einer medizinischen Behandlung gleich. Die Gründe haben sich jedoch geändert. Ein Masthuhn, das 30 Tage lebt, bekommt innerhalb dieser Zeitspanne durchschnittlich 2,9 Antibiotikagaben. „Wenn du heute die Grippe hast, brauchst du gar nicht mehr zum Doktor zu gehen. Es ist gescheiter, du schleckst ein Huhn ab, dann hast du das Antibiotikum gleich mitgegessen“, sagt der Hühnerbauer Astner. Dass die Tiere häufiger Antibiotika bekommen als die meisten Menschen, liegt an den Haltungsumständen. Wenn Zehntausende Hühner in einer einzigen großen Halle gehalten werden, werden sie eben häufiger krank. Anstatt sich zu überlegen, wie man die Lebensbedingungen verbessern könnte, werden jedoch mit Antibiotika einfach die Symptome bekämpft.

Ein neuer Kreislauf dominiert die Lebensmittelbranche. Früher war der Kreislauf auf Höfen und Farmen bestimmend – der Kreislauf der Jahreszeiten, der Kreislauf, in dem die Tiere Pflanzen fraßen und mit ihren Ausscheidungen den Boden düngten. Heute ist es der Geldkreislauf, durch den wir weniger Zeit haben, unsere Lebensmittel selbst zu produzieren, weil wir mehr arbeiten, um sie uns im Supermarkt leisten zu können. Dabei sinken die relativen Ausgaben für Nahrungsmittel in Österreich konstant. 1945 wurde noch beinahe die Hälfte des Haushaltseinkommens für Ernährung ausgegeben, heute sind es nur noch 16 Prozent. Gemeinhin wird das als Zeichen für eine gut entwickelte Volkswirtschaft gesehen, doch die Zahlen sagen auch: Das Essen hat weniger Wert für uns.

Dass am gegenwärtigen Umgang mit den Lebensmitteln etwas falsch läuft, haben viele Menschen schon erkannt. Wie wir künftig mit Nahrung umgehen, wird unser Schicksal prägen. Vielleicht wird uns das erst dann wirklich bewusst, wenn ein massiver Umbruch in der ein oder anderen Weise stattgefunden hat. Die Frage, ob wir verhungern würden, wenn wir unser Essen plötzlich wieder selbst produzieren müssten, habe ich für diesen Artikel vielen Menschen gestellt. Alle ExpertInnen im technischen Bereich haben sie mit Ja beantwortet. Zumindest ein großer Teil der Menschen würde verhungern, meinten sie. Nur einer, nämlich derjenige, der am engsten mit der Natur zusammenarbeitet, hat Nein gesagt – Astner, der Hühnerbauer: „So hilflos ist der Mensch nicht, wenn’s drauf ankommt. Ich bin generell ein Optimist.“

Kartoffeln, vom Feld. Werden wir das in Zukunft noch erkennen?

„Das genetische Gut geht einfach den Bach runter.“ Clemens G. Arvay

„Lebensmittel werden wie Zahnbürsten behandelt.“

Klaus Dürrschmid

Clemens G. Arvay: Der grosse Bioschmäh. Verlag Ueberreuter, 207 Seiten, Euro 19,95

Fotos: Alexandra Grill, Mara Simperler


Erschienen in „Welt der Frau“ 78/2013 – von Mara Simperler