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Wie können Eltern sichergehen, dass ihre Kinder inmitten einer übersexualisierten Gesellschaft den richtigen Zeitpunkt finden, um mit ersten Beziehungen und Sexualität zu beginnen? Was raten Expertinnen?

Die Familienfeier zum Geburtstag der Großmutter hätte so schön werden können. Doch stattdessen gab es Verdruss. Der Grund: Die 14-jährige Enkelin der Gefeierten hatte ihren Freund mitgebracht und saß lieber Händchen haltend abseits als bei den Gästen und der Oma. Diese fand es viel zu früh, mit 14 einen Freund zu haben. Da bliebe ja die Schule auf der Strecke. Ihre älteste Tochter, Tante des Mädchens, stimmte ein: „Kein Wunder, die Jugendlichen sehen überall Nackte, in der Werbung, am Handy.“ Die Mutter des Mädchens unterbrach: Das sei doch noch eine reine Kinderfreundschaft. Worauf ihr Mann dazwischenfuhr: „Hast du eine Ahnung, das Mädel macht doch, was es will.“ Schließlich richtete sich ein weiterer Gast an die Mutter: „Hattest du nicht auch mit 14 oder 15 diesen Typen …?“ Schnell brachte sie ihn mit einem strengen Blick zum Verstummen, und er setzte nur noch hinzu: „Lass sie doch, sie wird es schon richtig machen.“

Wer hat denn nun recht? Mit der Liberalisierung der Sexualität und dem Einfluss von Medien herrscht nun vielfach die Meinung vor, die Jugend würde immer früher sexuell aktiv. Die einen sehen das mit Sorge, die anderen gelassen, die dritten resignieren.

NICHT FRÜHER DRAN
Doch das Bild von einer solchen Jugend stimmt schlichtweg nicht. Zwar wurden junge Menschen, verglichen mit Zahlen von 1980, tatsächlich etwas früher sexuell aktiv, seit der Jahrtausendwende stagniert aber dieser Trend und war zuletzt rückläufig, zeigt die Langzeitstudie „Jugendsexualität“ der deutschen „Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“. So gaben beispielsweise in der Befragung von 2009 sieben Prozent der 14-jährigen Mädchen an, bereits Geschlechtsverkehr gehabt zu haben. Vier Jahre davor waren es zwölf Prozent, 1980 drei Prozent. Bei den Buben waren es 2009 vier, 2005 zehn und 1980 ein Prozent. Die Mehrheit erlebt ihr „erstes Mal“ in einer festen Beziehung, zudem verhüten die Jugendlichen heute besser und sind besser aufgeklärt. Österreichische Daten zeigen zudem, dass das durchschnittliche Alter für den ersten Geschlechtsverkehr seit 30 Jahren unverändert bei 16 Jahren liegt.

Doch abseits der Statistiken fragen sich Eltern: „Was ist zu früh für mein Kind? Woran kann ich mich orientieren?“

Zunächst am Gesetz: Sind beide Jugendlichen über 14 Jahre alt, sind sexuelle Kontakte erlaubt. Sexuelle Handlungen mit Unmündigen, also unter 14-Jährigen, sind wegen Missbrauchsgefahr untersagt, außer es handelt sich um zwei Jugendliche mit geringem Altersabstand und die jüngere Person ist mindestens 13 Jahre alt.

Doch 14 Jahre als Richtschnur für erste Intimitäten ist manchen zu früh, wie Gesprächen mit Eltern von Kindern zwischen zehn und 14 Jahren zu entnehmen ist. Konkrete Daten, welches Alter Eltern als ideal für den sexuellen Einstieg ansehen, liegen nicht vor, dennoch zeigen Studien, dass Eltern großteils liberaler im Umgang mit Sexualität geworden sind.

Feste Altersempfehlungen können auch ExpertInnen nicht geben, zu unterschiedlich verläuft die körperliche und psychische Reife von Kindern. Die Sorge vieler Eltern, ihr Kind stürze sich zu früh in eine Beziehung oder in eine „falsche“, sei verständlich, sagt die Sexualpädagogin Bettina Weidinger. Wie bei allen Fragen der Selbstständigkeit sei es nicht einfach, dem Kind zu vertrauen. Umso mehr gehe es darum, ihm von klein auf viele Kompetenzen in Bezug auf Selbstbewusstsein mitzugeben. Sexualaufklärung sei darin eingebettet, so Weidinger: „Jugendliche, die gelernt haben, dass ihr Körper wertvoll ist und nur ihnen gehört, dass Sexualität zum Menschsein dazugehört und nur sie entscheiden, was angenehm ist und was nicht – bei denen mache ich mir keine Sorgen, dass es ein Zufrüh gibt.“ Wichtig sei die Vertrauensbotschaft der Eltern: „Ich glaube, dass du es gut machst, und wenn es Probleme oder Fragen gibt, kannst du zu mir kommen.“ Sorge sei bei denen angebracht, in deren Familien Sexualität ein Tabu sei, da sich hier gegebenenfalls wichtige Kompetenzen der Selbstbestimmung nicht entwickeln können.

GEFAHR DURCH PORNOS
Aber können Eltern in einer Gesellschaft, in der Kinder schon früh über Medien Zugang zu vielfach unrealistischen sexuellen Inhalten haben, wirklich darauf vertrauen, dass ihr Kind frei entscheiden kann?

„Eltern haben heutzutage durch die Medien starke Miterzieher. Das überfordert viele Eltern“, sagt die Erziehungsexpertin und Ärztin Martina Leibovici-Mühlberger. Wenn in einer dritten Klasse Volksschule ein brutaler Porno via Handy die Runde macht – so ein Beispiel aus ihrer Praxis –, dann sei nicht nur gute Medienkompetenz gefragt, sondern die Gesellschaft.

Auch Bettina Weidinger nimmt in puncto Internet die Gesellschaft in die Pflicht. Es gehe darum, den Kindern neben der Freude am Medienkonsum andere „Lustkompetenzen“ zu vermitteln, etwa Lust an der Bewegung und Musik, die oft zu kurz käme. „Wenn Kinder gewöhnt sind, dass sie vor das Internet gesetzt werden, um ruhig zu sein, dann darf es niemanden wundern, wenn sie auch als Jugendliche das Internet als einzige Freizeitbeschäftigung ansehen.“

Für die Erziehungsexpertin Maria Neuberger-Schmidt erzeugt gerade die Gesellschaft einen enormen Gruppendruck, indem sie den Kindern stets vermittelt, dass Sexualität nur mit „Spaßhaben und Ausprobieren“ zu tun habe. Werte wie Liebe und Verantwortung kämen dagegen zu kurz. Sie plädiert dafür, die „tiefe Sehnsucht der Jugendlichen nach der großen Liebe zu stärken und damit ihre Bereitschaft, zu warten, bis ihre Persönlichkeit gereift ist, um dann erst eine Beziehung einzugehen“.

HELFEN VERBOTE?
Doch zurück zum Familienfest: Was können Eltern tun, wenn ihr Kind früher, als ihnen lieb ist, einen ersten Partner hat oder bei diesem übernachten möchte? Helfen dann noch Regeln oder gar Verbote?

Weidinger plädiert fürs gemeinsame Aushandeln von Regeln, letztlich können Eltern aber ihrem Kind eine Beziehung nicht verbieten, sonst drohe ein „Kommunikationsstopp“. Neuberger-Schmidt sieht das anders: „Konkrete Regeln und Führung sind ein Schutz. Man kann beim ersten Verliebtsein nicht darauf vertrauen, dass Jugendliche es schon ‚richtig‘ machen.“

„Eltern haben Erziehungsverantwortung“, sagt auch Leibovici-Mühlberger, es gehe um ein Begleiten. Und wenn das Kind sich dennoch über Regeln hinwegsetzt, etwa beim Freund übernachtet, gegen den die Eltern Vorbehalte haben? „Das kann ich nicht verhindern, aber ich muss die Position der Ratgeberin einnehmen. Man könnte es sich einfach machen und sagen: ,Ich kann es eh nicht verhindern.‘ Aber nachher steht mein Kind vielleicht da, wurde tatsächlich von diesem Freund enttäuscht und fühlt sich dann auch von mir verraten und alleingelassen.“

Informationen für Jugendliche und Eltern: www.rataufdraht.at

Erschienen in „Welt der Frau“ 0708/15 – von Regine Bogensberger