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Darf mein Körper sich verändern?

In einer Welt, die „forever young“ sein will, wird der Blick in den Spiegel mit den Jahren immer härter. Ist Altwerden nur mehr etwas für Feiglinge?

Was früher Moralapostel auf den Plan gerufen hat, gehört bei vielen Jugendlichen schon zum Standard prüderiefreier Selbstdarstellung: Sie verschicken Nacktbilder von sich, sogar via Face­book oder andere soziale Medien. Klingt echt befreit von allen Hemmungen. Aber was ist der Preis? Wer keinen Spott ernten will, muss jedenfalls makellos sein. Und das nicht nur in den Augen der BetrachterInnen, sondern auch in den eigenen. Wie wird das für diese Generation erst werden, wenn sie älter wird? Schon heute ist es für Frauen meiner Generation, und da reden wir von 50 plus, nicht einfach, den täglichen Blick in den Spiegel mit dem für die Selbstachtung nötigen Wohlwollen zu begleiten. Speck an den Hüften, Dellen in den Schenkeln, Busen mit Hang zur Schwerkraft, schlupfende Lider, leicht schwammige Oberarme, Falten am Hals, graue Haare – oje, schon die Aufzählung ist eine Mutprobe. Warum eigentlich? Warum sollte mein Körper noch derselbe sein müssen, zumindest optisch, wie der einer 25-Jährigen? Warum ist es so schwer, sich dem zu stellen, dass unser Körper und wir mit ihm alt werden? Da ist sicher zum einen das Selbstbild, das man sich gerne von sich macht. Altern findet auch im Kopf statt. Gestehe ich es mir überhaupt zu, den Weg alles Irdischen zu gehen? Kann ich einwilligen in die Tatsache, dass der Körper Materie ist, die sich abnützt, die brüchig wird, anfällig für Störungen und am Ende unbrauchbar und Staub? Und dann ist da noch das Wunschbild, das im Kopf herumgeistert. Spätestens wenn man mit 60 plus einen neuen Partner sucht, muss man sich seinem optischen Marktwert stellen. Und da ist die Konkurrenz der Makellosen groß. 

Manchmal erinnere ich mich an meine Großmutter. Sie war eine Kleinbäuerin, die ihr Leben lang keinen Groschen für Kosmetika ausgegeben und nie ein Sportgerät betätigt hat, die ihren Haarzopf zusammengerollt am Hinterkopf aufsteckte und ihre Kniestrümpfe mit einem Gummiband festmachte. Sie wurde fast 100 Jahre alt und war, als ich geboren wurde, schon 63. Ich kannte sie nur als alte Frau, die immer noch älter wurde. Ich hatte nie den Eindruck, dass für sie äußere Schönheitsideale ein Problem waren. Sie war in die Familie eingebettet, hatte ihre Aufgaben, ihre „guten Tage“, wenn es was zu feiern gab, und ihre schlechten Tage, wenn ein Unglück einen ihrer Lieben traf. Mit dem Altwerden und dem damit verbundenen Sterben ging sie pragmatisch um. Sie verschenkte beizeiten ihre wenige Habe und verteilte ihr Erspartes unter den Enkeln. Sie betete jeden Tag und trank abends ein schwaches Achterl gezuckerten Weißweines. Kontinuierlich übergab sie Aufgaben, die sie nicht mehr machen wollte oder konnte, anderen. Warum war es für sie, für ihre Generation noch einfacher, alt zu werden? Warum hat man meine Großmutter noch nicht angehalten, eine aktive Seniorin zu sein? Warum klang „Lifting“ damals höchstens nach einem Aufzug, und warum hat meine Großmutter nicht noch im hohen Alter vom Abnehmen geredet, sondern einfach so viel gegessen, wie ihr Hunger ihr sagte?

Wir sind, sagt uns die Forschung, eine Gesellschaft der SelbstoptimiererInnen. Wir meinen, durch Kon­trolle über unser Leben und unseren Körper exakt unsere Lebenswünsche verwirklichen zu können. Viele denken, es sei ein Zeichen von Würde, wenn man sich eben keine Spuren von Alter zugestehe. Was fast logisch zur Annahme führt, dass man dieses Leben, so es den eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht wird, auch beenden darf. Altwerden hat, so scheint es mir, viel mit unserem Selbstverständnis zu tun. Wozu sind wir auf der Welt? Sehen wir uns in einer Folge vieler Generationen, die alle ihren Beitrag zur Welt leisten und wieder vergehen? Oder meinen wir, alles in dem einen, kleinen Leben unterbringen zu müssen? Fühlen wir uns aufgehoben in einer Gemeinschaft, in der Junge nachkommen und Alte einen eigenen Platz haben? Und schließlich: Definieren wir uns vor allem über Fitness und körperliche Schönheit? Wer wünscht sie sich nicht. Aber ist es nicht töricht, etwas anzustreben, was uns unter den Fingern zerrinnt? Warum setzen wir so viel Energie in die Erhaltung des Vergänglichen und so wenig in die Schaffung des Unvergänglichen?

Was ist Altern?

  • Das Altern ist ein fortschreitender, nicht umkehrbarer biologischer Prozess der meisten Organismen, der mit ihrem Tod endet. Die maximale Lebenszeit, die ein Individuum erreichen kann, wird durch das Altern maßgeblich bestimmt.
  • Altern ist als physiologischer Vorgang ein elementarer Bestandteil des -Lebens aller höheren Organismen und eines der am wenigsten verstandenen Phänomene der Biologie. Allgemein ist die Annahme akzeptiert, dass eine Reihe verschiedener hochkomplexer, vielfach noch ungeklärter Mechanismen für das Altern verantwortlich sind.
  • Auf die Frage, warum Organismen altern, gibt es eine Vielzahl unterschiedlichster Antworten, die sogenannten Alternstheorien, aber bis heute keine wissenschaftlich akzeptierte umfassende Antwort.
    Quelle: Wikipedia

Erschienen in „Welt der Frau“ 04/15 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at