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Das Böse lauert immer und überall

Die kleine Dorrit findet ihren Großvater manchmal recht seltsam und ahnt, dass zwischen ihren Eltern und Großeltern gar nicht so selten dicke Luft herrscht. Der Prolog dieser Krimifolge um die schrulligen wie effizienten Kommissare Carl, Assad und Gordon des Sonderdezernats Q setzt im Jahr 1995 ein: Die kleine Dorrit erfährt, dass der Großvater Soldat war und will wissen, wohin ihr Papa verschwunden ist. Die Antwort bleibt ihr die Familie schuldig. Im April 2016 heißt Dorrit Denise, ihre Mutter ist Alkoholikerin und sie selbst lebt von einem Sugardaddy zum anderen, der Hass auf ihre Großmutter, die Mutter und Tochter nur allzugern erpresst, fühlt sich echt an. Da kommt sie wieder, die Alte, die Wohlverhalten fordert und mit den Geldscheinen winkt. Denise weiß sich anders zu helfen, blafft die vermeintliche Gönnerin an und haut schließlich ab: Dass die Großmutter wenig später im Park erschlagen wird, scheint nichts mit ihr zu tun zu haben.

Auch Michelle hat es nicht leicht im Leben, zufällig trifft sie Denise am Sozialamt, die coole Jaszmine gesellt sich zu den beiden und gemeinsam lästert dieses Trio über ihre Sachbearbeiterin, die uncoole Anne-Line Svendsen, die immer vom Ernst des Lebens spricht und den Mädchen gnadenlos die Sozialhilfe kürzen, wenn nicht sogar streichen will. Selten hat die Subkultur so gut gerochen, war so gut angezogen und überzeugt davon, auf dem richtigen Weg zu sein, die Verlierer, da sind sich die drei einig, sind die anderen. Denn die wirken nicht einmal cool, sind sehr schlecht angezogen und wissen nicht, wie man andere übers Ohr haut. Ein Selfie folgt dem anderen, ein Mädchen übertrumpft das andere mit seinen Finessen und Tricks, ihr Hass auf Anne-Line Svendsen nimmt bereits bedrohliche Züge an.

Anne-Line oder Anneli, wie sie sich selbst gern nannte, konnte wohl letztlich den Kompass des Lebens – ein Ausdruck ihres Vaters – nicht richtig lesen. Wenn die Männer kamen, schaute sie nach links, obwohl der attraktivste rechts stand. Kaufte sie Kleidung, achtete sie auf ihre innere Stimme statt auf den Spiegel. Und als sei sich für eine Ausbildung entschied, hatte sie mehr den kurzfristigen Verdienst im Auge gehabt als die langfristige Perspektive. (S. 44)

Dass diese Svendsen auch ganz andere Seiten hat, erfahren die drei jungen Frauen nach und nach: Sie halten sich sehr lange für überaus schlau und unverwundbar. Während das Sonderdezernat Q noch den Mord an der alten Frau mitten in Kopenhagen im Park aufzuklären versucht, irritieren die tödlichen Autounfälle, deren Opfer junge Frauen sind. Eigentlich handelt es sich um Mord, hier hat jemand absichtlich nicht gebremst, sondern gestohlene Fahrzeuge beschleunigt.

Während das Sonderdezernat Q diverse Morde in Kopenhagen aufklären soll, ist es mit internen Problemen konfrontiert: Was ist mit ihrer Kollegin Rose, die immer wieder in Depressionen abstürzt? Warum ist sie aus der Psychiatrie entlassen worden und wo hält sie sich derzeit auf? Gemeinsam entdecken die Kollegen, dass Roses Vaters bei einem mysteriösen Arbeitsunfall ums Leben gekommen und Rose damals nur wenige Meter neben ihm gestanden ist. Abgrund reiht sich in dieser Krimifolge an Abgrund: Da ist Dorrits Mutter, die nie damit fertig wurde, die Tochter eines Nazis und einer verbitterten Mutter zu sein; da ist Dorrit, die ihrer Mutter nie verzeihen konnte, dass sie sich dermaßen den Großeltern auslieferte, da ist Rose, die sich die Schuld am Tod des Vaters gibt, da sind die jungen Mädchen, die sich schminken und für ihre Selfies posieren. Und da ist Anneli Svendson, die sich plötzlich mit der Diagnose „Brustkrebs“ abfinden muss: Ungerechtigkeit reiht sich an Ungerechtigkeit, der Boden für Selbstjustiz scheint bereitet, die Spannung hält 575 Seiten lang.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Abgründe, Freundschaften, Verzweiflung, Spannung, Logik, Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Sühne, Auseinandersetzung mit Scheitern, Fragen danach, wann ein Leben aus dem Ruder läuft. Metaphern wie „der Kompass des Lebens“, die bei allen Morden und Mordversuchen, bei allem Kaputtgeschlagenen, sehr nachdenklich machen.

 

Der Autor ist wohl ein Bestsellerautor zu nennen, seine Geschichten um das Sonderdezernat Q lassen ihn die internationalen Bestenlisten regieren. Adler Olsen ist 1950 in Kopenhagen geboren.

 

 

Jussi Adler Olsen:

Selfies.

Thriller.

Der siebte Fall für Carl Morck, Sonderdezernat Q.

Aus dem Dänischen von Hannes Thiess.

München: dtv 2017.

575 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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