11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Das Glück ist ein Vogerl
Warum es sich immer auszahlt, im Park ein paar Minuten stehen zu bleiben, um Krähen zu beobachten.

Vor Jahren unterhielt ich mich einmal mit einem jungen Ornithologen, dessen zentrales Forschungsgebiet Graugänse waren. Vor den Gänsen hatte er sich jahrelang mit Raben und anderen Krähenvögeln beschäftigt. Er schwärmte mir so begeistert von der Intelligenz und Lernfähigkeit von Raben, von ihrer Wandlungsfähigkeit und Raffinesse, von ihrer Verspieltheit, ihrem riesigen Lautrepertoire und ihrem komplexen Sozialverhalten vor, dass ich irgendwann nicht umhinkonnte, ihn zu fragen, warum in aller Welt er von Raben auf Gänse als Forschungsobjekte umgestiegen war, wo es doch offensichtlich sei, dass sein Herz den Raben gehöre. „Raben sind mir viel zu intelligent“, sagte der Ornithologe lachend. Als WissenschaftlerIn, erklärte er mir, habe man mit einem so schlauen Vogel seine liebe Not. Er zeige wenige Muster in seinem Verhalten, mache jeden Tag etwas Neues und Überraschendes und reagiere auf die winzigste Veränderung mit so großem Misstrauen, dass man sich ihm erst nach Wochen oder Monaten wieder annähern könne.

Über so ein Tier könne man als VerhaltensforscherIn ewig lang keine verlässlichen Aussagen machen, geschweige denn einen relevanten wissenschaftlichen Artikel publizieren. Graugänse mit ihren sehr viel stereotyperen Verhaltensmustern seien da aus Sicht einer wissenschaftlichen Karriere deutlich dankbarer.

An diese Geschichte musste ich denken, als kürzlich im Park wieder einmal einige grau-schwarze Nebelkrähen meinen Weg kreuzten. Wie der junge Ornithologe habe ich Raben und Krähen immer geliebt, schon lange bevor ich irgendetwas Genaueres über ihre herausragende Klugheit wusste. Vögel gehören wahrlich nicht zu meinen Lieblingstieren. Sie sind mir nicht besonders unsympathisch, sie sind mir eher schnurzegal – alle Vögel außer Raben und Krähen. Es ist immer lustig, stehen zu bleiben und sie zu beobachten.

Die Nebelkrähen im Park waren ein kleines, loses Grüppchen von Tieren, von denen jedes einzelne schon auf den ersten Blick seinen ganz eigenen Charakter zu haben schien. Eine der Krähen wirkte würdig und professoral, schaute gemessen um sich und schritt steif und aufrecht einher, als trüge sie Gehrock und Spazierstock.  Zwei andere kamen mir vor wie Halbstarke. Sie hatten sichtlich Unfug im Kopf, zupften sich gegenseitig am Gefieder, flatterten aufgeregt, peckten hier und dort großspurig in der Erde herum und setzten immer wieder zu weiten, zweibeinig ausgeführten Hopssprüngen an. Bei wieder einer anderen Krähe, schien mir, handelte es sich um die Gschaftlhuberin der Gruppe. Sie trippelte aufgeregt zwischen den anderen, die ihr keine große Aufmerksamkeit schenkten, hin und her, legte den Kopf schief, einmal nach links, einmal nach rechts, und wirkte so, als sei sie pausenlos damit be­schäftigt, Informationen von A nach B und wieder zurück zu tragen.

Es passiert mir ab und zu, dass ich so beim Beobachten von Krähen eine Zeit lang hängen bleibe. Was ich von ihnen zu sehen kriege, interessiert mich immer, und wenn ich weitergehe, habe ich in jeden Fall bessere Laune. Dass das Glück eventuell doch ein Vogerl sein könnte, ist dann eine Vorstellung, die mir – dieserart gegen den Strich gebürstet – nicht mehr ganz so fremd ist.

Erschienen in „Welt der Frau“ 03/14 – von Julia Kospach