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Das Glück steckt manchmal in einer Tasse Tee

Die Ich-Erzählerin lässt über sich nie im Ungewissen. Sie sei eine Suchende, ja, auch eine Verletzte, eine Wütende und vor allem eine Verlassene. Als Florine, die Ich-Erzählerin dieses Schicksals- und Entwicklungsromans, ihre große Liebe Bud heiratet, wissen alle Bewohnerinnen des Fischerdorfs The Point an der Küste von Main, dass hier das „Happy End“ noch erliebt, erstritten und ertrauert werden muss.

Wäre hier nicht diese schroffe Küste, wären hier nicht die ebenso schroffen Charaktere, die zahlreichen und beinahe unzähligen Bierdosen und Säufer, der Roman könnte leicht kitschig wirken. Doch diese Klippen umschifft die Autorin gekonnt: Florine und Bud, ihr Mann, wollen es besser machen als ihre Eltern. Florines Vater starb an einem Herzinfarkt, das Verschwinden seiner Frau Carlie hat er nie überwunden. Wenn auch Stella bei ihm einzog und der jugendlichen Florine damit den Alltag schwer machte, sein Herz gehörte Carlie. Dass hier nur die Särge in der Erde versenkt und die Leichen auf hoher See heimlich bestattet werden, stört nicht einmal den Pastor. Jeder und jede hat hier Geheimnisse, die am Ende doch wieder alle wissen.

Bud ist mit seiner hochschwangeren Frau, später dann dem aufgeweckten kleinen Mädchen, noch später dann mit einer schwierigen neuerlichen Schwangerschaft enorm gefordert, immer häufiger greift er zum Bier, es kann dann auch schon noch etwas Härteres nachkommen. Er hasse sein Leben, er halte es nicht mehr aus, immer nur Autos zu reparieren. Das wirft er seiner Frau an den Kopf und kann sich doch am nächsten Tag nicht mehr daran erinnern. Die Leute im Ort helfen einander, so wird Stella, als sie Florine wieder einmal die Schuld am Tod ihres Vaters gibt, nicht einfach als Säuferin in Rage abgetan, sondern liebevoll aus dem Blumenbeet gehoben und nach Hause gebracht.

Es gibt die guten Stimmen in diesem Buch, die Florine die richtigen Handlungen einflüstern, sie leidlicher machen, verzeihender auch Bud gegenüber. Sie will nicht mit einem Säufer ihre Kinder großziehen und weiß gleichzeitig, dass abzuhauen auch keine Lösung darstellt. Immer wieder schiebt sich in die Idylle des Teetrinkens die Frage nach Carlie, einer lebensfrohen Frau mit schönen roten Haaren, die sie ihrer Enkeltochter vererbte. Der Roman lebt von den Dialogen, hier wird ständig geredet, gewitzelt und nur in Extremsituationen geschwiegen, doch selbst dann hat einer einen Spruch parat. Ida, Florines Schwiegermutter, kümmert sich um die kleine Familie, ist zurückhaltend in ihren Ratschlägen und dennoch klar in ihrer Position.

„Sie war wie ein funkelndes Licht, das durch den Raum schwirrte. Sie war eine Frau, die durch das Leben tanzte. Und dafür bewunderte ich sie. Das, was diesen Tanz unterbrochen hat, wird ihr Wesen niemals beeinträchtigen.“

Morgan Callan Rogers: Eisblaue See, endloser Himmel
Roman
A. d. Amerikanischen von Claudia Feldmann
Hamburg: mare 2014

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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