12

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop

Was geschieht, wenn Prostituierte alt werden? In Mexiko-Stadt gibt es seit zehn Jahren ein Altenheim für Sexarbeiterinnen, das erste weltweit.

Frühstückszeit im „Haus der schönen Blumen“. Es gibt Bohnen mit Speck und Broccoli, dazu ungesüßten Maissaft. Normota ist tief im Stuhl versunken, sie atmet schwer. Am Nachbartisch lächelt Elia, ihre Zähne stecken wie dünne Stacheln im Mund. Gegenüber sitzt die kleine Juanita mit kaffeeschwarzen Augen, sie hat schlecht geschlafen. Die insgesamt 20 Frauen hier, alle zwischen 51 und 83 Jahre alt, haben verloren, was sie zum Leben brauchten: ihren jungen Körper. Die „Casa Xochiquetzal“ in Mexiko-Stadt ist ihre neue Heimat. Dieses Altenheim für Prostituierte, benannt nach der aztekischen Göttin der Liebe und der Schönheit, ist das erste seiner Art weltweit.

Eine schwere Holztür führt in das koloniale Gebäude. Sonnengelbe Wände, hohe Fenster in den Steinmauern. Nach dem Essen versammeln sich die Frauen im Innenhof, dem Wohnzimmer des Hauses, und sitzen um den Brunnen. Einige rauchen, andere stricken. Viele sitzen einfach nur da.

EIN NEUES LEBEN
Elia steigt die Treppe hoch in ihr Zimmer. Sie teilt es mit einer anderen Bewohnerin, die Betten sind nur durch einen dünnen Vorhang getrennt. Auf ihrem Kissen sitzen zwei Puppenbabys: Gabriel und Alberto. „Ihnen erzähle ich alles“, sagt die 69-Jährige mit sanfter Stimme. „Ich hatte nie Spielzeuge als Kind.“ 

„Mala Suerte“ nennt sie ihre Vergangenheit: „Pech“. Böse Adoptivmutter, Kinderheim, vergewaltigt, abgehauen, wieder vergewaltigt. Mit 13 Jahren prostituierte sie sich das erste Mal, danach insgesamt fünfzig Jahre lang. Dabei wurde sie sechsmal schwanger, hatte zwei Fehlgeburten und brachte vier Söhne zur Welt. Sie haben den Kontakt mit ihr abgebrochen, aus Scham. „Aber ich konnte ihnen eine Schulbildung ermöglichen.“ Darauf ist sie stolz. In ihren letzten Jahren verkaufte sie ihren Körper zuweilen für 50,00 Pesos, 2,00 Euro. Im Sommer 2012 fand eine Sozialarbeiterin Elia auf der Straße und brachte sie in die „Casa Xochiquetzal“. Hier sei sie glücklich. Sie habe ein Dach, Essen, Kleidung. „Ein neues Leben“, sagt sie und fängt an zu singen.

Von draußen dringen Cumbia-Rhythmen und der Ruf von MarktschreierInnen in den Raum. Der Geruch von gebratenem Fleisch, ab und zu eine Marihuana-Wolke. Stromkabel hangeln sich bündelweise entlang der hohen Fenster. Das Haus liegt am Eingang des berüchtigten Tepito-Viertels, des größten Schwarzmarkt-Drehkreuzes des Landes. Wie eine Zeltstadt wuchern die Marktstände zwischen den Häuserreihen, Menschenmassen schieben sich durch die verdreckten Straßen. In Tepito kursiert ein Sprichwort: „Hier wird alles verkauft – außer der Würde.“ Viele der Frauen haben selbst sie auf den Straßen verloren. Einige von ihnen nennen das Draußen „Dschungel“, die meisten sprechen vom „Monster“. Es drückt sich hart an das gelbe Haus, lehnt an den Wänden, kratzt an der schweren Holztür. Vor dem „Haus der schönen Blumen“ prallt es ab. Lesen Sie weiter in der Printausgabe…

Angi, mit 51 Jahren die jüngste Bewohnerin, liebt das Malen, arabischen Tanz, Stöckelschuhe und ihren Hula-Hoop-Reifen.

Aus Konkurrentinnen werden Freundinnen, manchmal. Nicht immer verläuft das Zusammenleben jedoch reibungslos.

Elia holt mit ihren Puppen im Alter die verlorene Kindheit nach. Auf ihrem Nachttisch steht das Foto der Frau, die sie einst geliebt hatte.

Die Bewohnerinnen haben die Möglichkeit, eine Ausbildung anzufangen. Juanita praktiziert jeden Sonntag für ihre Bibelschule.

Die Frauen essen jeden Tag zusammen. Beim Kochen wechseln sich die Bewohnerinnen ab.

Die ehemalige Prostituierte Victoria hat in der „Casa Xochiquetzal“ in Mexiko-Stadt ein Zuhause gefunden. In diesem Altersheim für Sexarbeiterinnen will man den Frauen ein Stück ihrer Würde zurückgeben.

Fotos Benedicte Desrus:  www.benedictedesrus.photoshelter.com
Text Samanta Siegfried: www.zeitenspiegel.de

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 09/17