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Das Heute genießen
Franziska, 50, freut sich täglich auf das gemeinsame Abendessen mit ihrem Mann. Denn morgen könnte schon alles anders sein.

Wieder gut abgerollt und nichts passiert. Die unerklärlichen Fahrradstürze meines Mannes häuften sich. Ich verkniff mir zu sagen: „Fahr doch vorsichtiger.“ In den Monaten darauf wurden seine Bewegungen unsicherer. Die Sprechschwierigkeiten nahmen zu. Bis der degenerative Prozess in seinem Gehirn als Diagnose feststand. Unsere neue Wohnung hat kaum Schwellen. Dreimal in der Woche kommt am Vormittag ein Betreuer. Das Wissen, dass mein Mann nur am Nachmittag alleine ist, erleichtert mich. Würde er jetzt anrufen, weil er in der Wohnung gefallen ist, ich wäre in fünf Minuten von der Arbeit mit dem Fahrrad zu Hause. Ich bewältige die ständig neuen Herausforderungen meiner pflegerischen Arbeiten mit „Learning by Doing“. Mein Mann, mittlerweile 66, ist geduldig. Besonders genießen wir unsere Abende redend und lachend bei klein geschnittenem Essen. Ich genieße diese leichten Momente. Da mein Mann intellektuell nicht beeinträchtigt ist, bleibt er – wie in den vergangenen 30 Jahren – mein Ansprechpartner für Berufliches. Nach wie vor inspirieren uns Texte und Musik.

So manchen Menschen fällt es schwer, uns beim täglichen Kreuztragen zuzuschauen. Nicht jeder hat Zeit und Energie für ein von Krankheit betroffenes Paar. Spontane Besuche sind mir am liebsten. Anläuten, nachfragen, wie es geht. Oder Menschen, die sagen: „Wir bringen das Essen mit.“

Ich habe gelernt, keinen Genierer zu haben, sondern Hilfe zu suchen und anzunehmen.

Ich möchte den Spruch „Hauptsache, Sie sind gesund“ erweitern durch „Hauptsache, Sie sind im Krankheitsfall nicht alleine“. Denn da wäre jeder Betroffene verloren. Es gibt viele Sozialleistungen, doch ist es eine eigene Wissenschaft, sie ausfindig zu machen und die entsprechenden Anträge zu stellen. Ich träume von nur einer Servicestelle, wo ich mich mit allen Anliegen hinwenden kann. Warum müssen der Behindertenschein fürs Auto und der Behindertenpass von zwei verschiedenen Stellen ausgestellt werden? Ich hätte gerne eine betreuende Person, die sich verabschiedet, wenn ich heimkomme, einmal um vier Uhr, einmal um drei Uhr. Oder jemand, der bis in den Abend hinein bleibt, wenn es mein Beruf verlangt – dieser ist unverzichtbarer Ausgleich.

Sieben Tage pro Woche verfügbar zu sein, macht unendlich müde. Doch zur Belastung werden ein plötzlich schmerzender Zahn, eine Augenentzündung oder erhöhte Temperatur. Ist ein Arztbesuch sofort nötig oder lässt er sich verschieben? Muss ich Urlaub nehmen? Schätze ich die Dimension richtig ein? Oder doch lieber die Notärztin holen? Die Verantwortung für die Entscheidung liegt bei mir.

Eine Freundin beobachtet mich genau. „Da kann er noch so dagegen sein. In diesem Jahr machst du 14 Tage alleine Urlaub“, lautet ihr Kommando. Ich wehre mich nicht dagegen.

Nein, ich empfinde es nicht als Heldentat. Das macht doch jede und jeder von uns. Mein Mann kann nicht ständig dankbar sein. Wenn aber unser 18-jähriger Sohn zwischendurch über seine Betreuungspflichten stöhnt und sagt: „Mama, ich weiß, es ist unfair, denn du tust für ihn ja viel mehr“, dann tut mir seine Anerkennung gut. Seit einigen Wochen gibt es einen Rollstuhl. Ich brauche meinen Mann nicht mehr beim Gehen stützen. Jetzt können sich meine Schultern wieder entspannen.

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 11/2013 – von Michaela Herzog