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So unverzichtbar wie das „Ja“ bei der Hochzeit ist der Brautschleier bei einer kirchlichen Trauung. Ob schulterlang, taillenkurz oder bodenlang: Seine weiße Farbe symbolisierte ursprünglich Jungfräulichkeit und Schamhaftigkeit der Trägerin. Heute ist dieses zarte Stück Stoff ein modisches Accessoire, das die Schönheit der Braut unterstreichen soll.

Aus edlen Materialien individuell gefertigt: Haute Couture Brautkleid aus 1955

Sie lagern in durchsichtigen Schachteln, hängen zart von Samtkleiderhaken oder füllen tiefe Schubladen im Brautsalon aus. „Ein Schleier! Oh, wie cool.“ In Jeans und Turnschuhen dreht sich die künftige Braut vor dem großen Spiegel. Ihre Schultern straffen sich, sie trägt den Kopf gleich etwas höher. „Echt, supertoll.“ Die beiden Freundinnen sind entzückt.
Modische Schleier gibt es in vielen Längen und Stoffschichten zu kaufen. Vom 20 bis 30 Zentimeter kurzen, frechen, mehrschichtigen „Flyaway“ hin zum adretten Kurzschleier in Ellbogenlänge. Doch am beliebtesten ist das Modell „Fingerspitze“. Dieser Kurzschleier gleitet den Rücken der Braut entlang bis in Höhe ihrer Fingerspitzen. Das Gesicht der Braut umhüllt hingegen der aus einer Schicht Tüll bestehende „Blusher“, der beim Einzug in die Kirche getragen wird. Erst der Bräutigam darf ihn lüften, nachdem er seine zukünftige Frau in Empfang genommen hat. Die eleganteste Variante trägt den Namen „Kathedralschleier“ und kann die beachtliche Länge bis zu fünf Meter erreichen. Aus nur einem kleinen Stück Tüll ist „Birdcage“ gemacht. Die Übersetzung „Vogelkäfig“ klingt zwar wenig romantisch, doch in Anlehnung an die Mode der 20iger- und 30iger-Jahre wird er am Kopf festgesteckt und über das Gesicht drapiert. Zum Küssen schiebt die Braut am Standesamt das feinmaschige Netz über ihren Mund hoch.

Keineswegs schleierhaft
„Für die Länge eines Schleiers gibt es keine traditionellen Vorschriften“, erklärt Christine Rührlinger, Inhaberin von „Hänsel & Gretel“, des größten Brautsalons  in Österreich. Schlichter Soft-Tüll „mit geradlinigem Fall“ oder edle Spitze sind die bevorzugten Materialien. Entscheidend ist nicht nur der Preis, obwohl Schleier aus französischer oder belgischer Spitze bis zu 800 Euro kosten können. „Ist das Kleid edel und schlicht, empfehlen wir einen Schleier aus Spitze als Blickfang.“ Besteht das Brautkleid aber aus Rüschen, Spitze oder Volants, dann rät die Expertin in Sachen Hochzeiten zum Tüllschleier ohne Muster. „Grundsätzlich gibt es kein Brautkleid, zu dem ein Schleier nicht passen würde.“ Doch räumt Frau Rührlinger ein, dass Kleidermodelle zum Beispiel im Hippielook eher nach einem Stirnband oder einem hübsch drapierten Tuch als nach einem Schleier verlangen.
Schleier werden kaum extra angefertigt, meist kauft die Braut ihn „von der Stange“. Am häufigsten das ein- oder zweistufige Modell in Finderspitzenhöhe, „weil es am schönsten fällt“. Da aber erlaubt ist, was gefällt, sind Brautschleier in Rot, Schwarz oder Creme, mit Spitze oder unzähligen Pailletten, mit oder ohne Strasssteinchen, mit Glitzer, Kristallen oder Perlen oder nur mit Satinbändern eingefasst, erhältlich. Sowohl ein weißes Kleid mit roten Schuhen und rotem Schleier als auch ein rotes Kleid mit rotem Schleier hat Christine Rührlinger schon verkauft. „Wir erfüllen alle Sonderwünsche“, sagt sie selbstbewusst. „Auch wenn der Schleier rosa sein und grüne Tupfen haben soll.“

Nur ein Stück Stoff?
Bereits die jungfräulichen Bräute in der Antike trugen zur Vermählung weißen Tuniken und rote oder gelbe Schleier aus feinstem Tuch mit einem Myrtenkranz. Der weiße Schleier für die christliche Braut lässt sich bis in das vierte Jahrhundert zurückverfolgen. „Das Verhüllen des Hauptes der Frau bedeutete die Unterstellung der Frau unter patriarchalisches Machtdenken“, erklärt Thekla Weissengruber, Sammlung Volkskunde im Linzer Schlossmuseum. Im christlichen Mittelalter und im Islam zum Beispiel sollte der Schleier die Frau weitgehend „unsichtbar“ machen. Zugleich war der Schleier als zentrales Kleidungsstück dazu da, die Braut vor allen bösen Geistern zu schützen.
Die prachtvoll verzierten Hochzeitskleider aus Gold- und Silberbrokat, je nach gesellschaftlicher Stellung der mittelalterlichen Braut, wurden im Europa des 16. Jahrhunderts von der Modefarbe Schwarz abgelöst. Unter dem Einfluss des streng katholischen spanischen Hofs schritten nun die Bräute in dunklen, schweren Kleidern, als Zeichen ihrer tiefen Frömmigkeit, vor den Traualtar. Erst ab 1800 konnten adelige und reiche Bürgerstöchter aus aufwendig gearbeiteten weißen und pastellfarbenen Roben und den Schleier als Bestandteil der modischen Brauttoilette wählen. Spätestens mit der „Märchenhochzeit“ 1854 der Prinzessin Elisabeth von Bayern, der späteren Kaiserin Sisi, war klar: Die modische Braut aus feinen Kreisen trägt Weiß mit Schleier.
„Auf vielen Hochzeitsfotos aus der Zeit um 1900 sind sowohl Bräute im schwarzen, bäuerlichen Festtagsgewand als auch solche im weißen Kleid zu sehen“, weiß Regina Karner vom Historischen Museum Wien. Eines war aber den Bräuten – unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Stellung -gemeinsam: „Der lange weiße Schleier galt als absolut modisches Muss.“ Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs ist das lange weiße Hochzeitskleid mit Schleier zur Standardkleidung einer Braut geworden. Und das weiße Kleid ist auch heute noch üblich, ob als Minikleid oder opulente Robe.

Symbolik überholt?
„Zu mir kommen immer wieder Damen, die den Brautschleier der Mutter tragen wollen“, sagt Christine Rührlinger. Dann wird bei „Hänsel & Gretel“ das Hochzeitskleid zum manchmal schon etwas vergilbten Erbstück ausgewählt. Ob das Tragen eines Schleiers noch zeitgemäß ist, entscheidet die Braut. Ob der „Traum aus weißem Tüll“ nur ganz jungen Bräuten vorbehalten ist, ist genauso Geschmackssache wie der kurze Schleier zum schlichten Kleid bei einer zweiten Hochzeit. Vor Kurzem beriet Petra Ostheimer, Besitzerin des Secondhand- Brautmodenshops „Schneeweisschen“, eine Kundin auf der Suche nach einem schulterfreien Hochzeitskleid für den schönsten Tag ihres Lebens. Weich fiel der elfenbeinfarbene Tüllschleier über ihre bunt tätowierten Schultern. Ihre Hochzeit ohne Schleier? Niemals.

Kaum ein Kleidungsstück ist so stark emotional und symbolisch aufgeladen wie Brautkleid oder Schleier.

 

Ein Hoch dem Brautpaar!

Viele Bräuche rund um das Hochzeitsfest haben sich über die Jahrhunderte erhalten, obwohl ihre Herkunft und genaue Bedeutung nicht immer nachvollziehbar ist. Hier eine kleine regionale Auswahl.

1. Abschied vom Single-Dasein
Am Polterabend sollen die FreundInnen viel Porzellan und Steingut zerschlagen, um alle bösen Geister von den Brautleuten zu vertreiben

2. Brautlied singen
Am Tag vor der Hochzeit wird das Brautlied – regional unterschiedlich entweder von Nachbarinnen, weiblichen Verwandten oder Freundinnen der Braut – gesungen. Danach erhalten die Sängerinnen von den Brauteltern eine feudale Jause.

3. Eheglück garantiert
Etwas Altes steht für den Lebensabschnitt als ledige Frau (altes Schmuckstück), etwas Neues für die Zukunft als verheiratete Frau (Brautkleid), etwas Geliehenes gilt als Zeichen der Freundschaft (besticktes Taschentuch), etwas Blaues ist Sinnbild für die Treue (blaues Strumpfband) und ein Cent im Brautschuh soll Reichtum bringen.

4. „Schwibbogen binden“
In kleineren Ortschaften flechten Nachbarinnen zwei Bögen. Einer wird am Tag der Hochzeit vor dem Haus der Braut aufgestellt und einer vor dem des Bräutigams. Je nach Größe bestehen die Girlanden aus Tannen- oder Fichtenreisig, geschmückt mit bis zu 200 handgedrehten Röschen aus Krepppapier. Im Mühlviertel bleibt der Bogen 14 Tage lang aufgestellt.

5. „Hochzeitbachn“
In manchen burgenländischen Orten backen Frauen gemeinsam mit den Müttern des Brautpaares bis zu 50 Kilo feinste Bäckereien. Am Hochzeitstag werden diese mit Wein an die zahlreichen Zaungäste vor den Häusern von Braut und Bräutigam ausgeteilt. Auch die Hochzeitsgäste, FreundInnen und Nachbarn erhalten eine Kostprobe.

6. Brautaufwecken
Die Braut schläft in der Nacht vor der Hochzeit bei ihren Eltern. Aufgeweckt wird sie in manchen Regionen bereits um 4.00 Uhr von Krachern, Böllerschüssen und Sirenen. Die „Brautaufwecker“, meist Nachbarn und Freunde, werden dann zum Frühstück eingeladen.

7. Brautstrauß werfen
Der Bräutigam überreicht den Brautstrauß vor oder in der Kirche seiner Braut. Sie wirft den Strauß am Ende der Hochzeit über die Schulter den unverheirateten Damen zu und der Bräutigam das Strumpfband der Braut den unverheirateten Herren. Die Fängerin des Straußes und der Fänger des Bandes sollen dem Brauch nach als Nächste heiraten.
Reis- oder Blütenblätterwerfen nach der Trauung soll reichen Kindersegen garantieren. Eine nette Geste ist auch, den Gästen ein Hochzeits- oder Brautbüscherl ans Revers zu stecken. Ledige Männer und Frauen tragen es links, verheiratete rechts.

8. Wegsperre, Holzsägen, Seilspannen
Je nach Region muss das Brautpaar vor oder nach der Trauung einige Hindernisse aus dem Weg räumen.

9. Hochzeitstorte anschneiden
Ob sie oder er beim Anschneiden der Torte die Hand oben hat, zeigt, wer in Zukunft das Sagen in der Ehe haben wird.

10. Bräutigamstehlen
Im Sinne der Gleichberechtigung wird immer häufiger der Ehemann von den Freundinnen der Braut gestohlen. Gefunden und ausgelöst muss er dann von der Schwiegermutter werden.

11. Schleiertanz
Um Mitternacht tanzt die Braut alleine, und alle unverheirateten Frauen versuchen, ein Stück des Schleiers zu erhaschen. Wer das größte Stück erwischt, soll dem Brauch gemäß als Nächste heiraten.

12. Unter der Haube sein
Im Salzburgischen wird die Braut vom Brautführer an den Bräutigam übergeben. Während des letzten Tanzes wird der Schleier abgenommen und durch eine Haube oder ein Kopftuch ersetzt – als Zeichen dafür, dass die Braut nun Hausfrau ist.

Von Region zu Region verschieden: Stammen die Brutleute aus verschiedenen Regionen, dann sollten die unterschiedlichen Bräuche rund um die Hochzeit vorher abklärt werden, um
„Missverständnissen“ am Hochzeitstag vorzubeugen.