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Das kann jeder Frau passieren
Franziska, heute 43, hat viel zu lange den physischen und psychischen Terror ihres Ehemanns ertragen.

Warum alles so gekommen ist? Ich weiß es bis heute nicht. Denn über viele Jahre waren wir eine sehr glückliche Familie. Ein sicherer Ort der Geborgenheit. Nie gab es in unserer Beziehung Gewalt. Weder verbal noch körperlich, weder mir noch den Kindern gegenüber. Seit der Schulzeit war ich mit meinem Mann ein Paar. Die große Liebe. Und die wollte ich mir vorerst nicht nehmen lassen.

„Keine Ehe ist immer glücklich“, versuchte ich mir einzureden. „Er hat beruflich so viel um die Ohren.“ Bis ich zu realisieren begann, dass es da noch eine zweite Frau gab. Eine Affäre? Nein, viel mehr. Da war jahrelang eine Beziehung parallel zu meiner Ehe gelaufen. Nach dem großen Schock stellte ich ihn zur Rede. Wütend und weinend stritt er alles ab und bezichtigte mich der Lüge und der Unterstellung.

Ich wollte nicht mehr mit ihm in unserem Ehebett schlafen. Jede Nacht zerrte er mich aus dem Gästezimmer und erinnerte mich drastisch an meine ehelichen Pflichten. Nicht nur meine Handgelenke bekamen immer mehr blaue Flecken. Er wollte mit mir schlafen, Zärtlichkeiten austauschen, als wäre nichts vorgefallen. Meine Angst vor ihm wurde immer größer. Ich war wie gelähmt. Das konnte doch nicht der Mann sein, mit dem ich über Jahre gelebt hatte. Stillschweigend ließ ich ihn über mich ergehen, wehrte mich nicht mehr und schlug nie zurück. Ich hatte noch nie in meinem Leben jemanden geschlagen.

Endlich können die Kinder und ich in der Nacht wieder ruhig schlafen.

Mein Lebensplan – glückliche Familie, ein schönes Haus, tolle Urlaube – bekam immer mehr Risse. Mein Mann begann unberechenbar zu werden. Seine Hemmschwelle wurde immer niedriger. Niemandem erzählte ich, was in unseren vier Wänden abging. Den Rat, endlich meine Sachen zu packen und wegzugehen, wollte ich nicht zu hören bekommen. Ich klammerte mich verzweifelt an die Hoffnung, dass alles wieder so werden würde, wie es früher war, und sagte mir: „Wir kriegen das hin. Ganz sicher.“ Der Kinder wegen war ich bereit, alles zu versuchen, um unsere Beziehung wieder ins Lot zu bekommen. Er schwor mir seine Liebe und versprach mir immer wieder, die andere Frau aufzugeben. In Wirklichkeit wollte er beide Leben leben. Mit mir und den Kindern die heile Familie. Mit ihr seine sexuellen Fantasien. „Glaub ja nicht, dass du gehen kannst!“, schrie er und schlug vor den Kindern auf mich ein. „Eher bringe ich dich um!“ Er blieb unbeeindruckt von den angstvollen Schreien unserer Kinder.

„Was muss denn noch alles passieren, dass du endlich gehst“, fragte mich meine Freundin. Ich genierte mich so sehr. Schrecklicher als alle blauen Flecken ist die öffentliche Demütigung. Arzt, Polizei, ich hatte keine Zeugen. Bis meine Therapeutin meinte: „Ich gebe Ihnen noch zwei Wochen, bis Sie zusammenklappen, aber dann verlieren Sie Ihre Kinder.“ Diese Aussage rüttelte mich aus der tränenreichen Aussichtslosigkeit wach und ließ mich meine letzten Kräfte und all meinen Mut mobilisieren. Ich begann hinter dem Rücken meines Mannes – mithilfe meiner Familie – den Umstieg in ein neues Leben zu organisieren. Während seiner nächsten Dienstreise in Begleitung der Zweitfrau zog ich aus.


Erschienen in „Welt der Frau“ 1/2013 – von Michaela Herzog