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Das Leben als Spiel feiern

Mir hat dieser Band das Bild und den Begriff des „ernstheiteren Menschen“ geschenkt. Da schreiben zwei Top-Bestseller-Autoren – das waren jetzt spielerisch viele Superlative! – grad so, wie sie es denken und das ist sehr viel in Zeiten wie diesen. Politisch klarsichtig erläutern Gerald Hüther und Christoph Quarch das Bestreben, unsere Spielplätze in Marktplätze zu verwandeln und mehr noch, unsere Spielwelten in die Businesswelt einzuverleiben: Spiele sollen im großen Stil instrumentalisieren und sich wirtschaftlichen Interessen unterwerfen.

Hier wird der Homo ludens durch den Homo oeconomicus verdrängt. Der Homo oeconimucus zwingt allen Spielen seine eigenen Kriterien auf. Er kolonialisiert die Spielwelt und unterwirft sie dem Diktat seiner Werte: Effizienz, Produktivität, Funktionalität, Profitabilität – Werte, die im Reich des Wirtschaftens berechtigt sind, die aber das Spiel verderben und den Homo ludens zugrunde richten. (S. 83)

Doch der Feind, der, der uns am Spielen und an der Leichtigkeit hindert, sitze, so die Autoren in uns selbst. Wir mit unseren flexiblen Gehirnen seien auf der Suche, noch immer: Es seien die Kinder, die die Leichtigkeit des Spiels noch in sich tragen, die hingebungsvoll mit Topf und Deckel, mit Klötzchen in Blau und Klötzchen in Rot stundenlang zu spielen vermögen. Ja, dann kommen die Erwachsenen, erkennen nicht den Wert des Tuns und starten die Frühförderungsmaschinerie.

Kinder hören aber sofort auf zu spielen, wenn sie merken, dass wir sie zu Objekten unserer Belehrungen, Anleitungen, Vorgaben, Erwartungen oder gar Erziehungs- und Bildungsmaßnahmen machen. Denn dann erleben sie sich nicht mehr als Subjekte, die ihren Weg in unsere Welt mit ihrer angeborenen Spielfreude, selbst suchen und finden. Sie verlieren ihre Lust, selbst zu denken, selbst zu gestalten.  (S. 87)

Kinder, die auf Du und Du mit ihren Spielsachen, dem widerspenstigen Ball etwa sind, die sich ärgern, wenn ein Wurf misslingt, die sind völlig im Spiel, die sind frei und daher so unberechenbar. Ein Kapitel widmet sich der steigenden Zahl der Spielsüchtigen, die Autoren gehen hier richtig zur Sache. Ein Plädoyer für Freiräume für Kinder, für freie Spielflächen für Heranwachsende, gegen perfekt eingerichtete Spielhäuser und noch perfekter funktionierende Spielzeuge bleibt nachhaltig in Erinnerung.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Besuch von Spielwiesen, Einsichten, wie gut man eigentlich funktioniert und das selbst nicht immer möchte, Aufbruch „Die Leinen los und auf in die Freiheit!“, Exkursionen in die Geschichte, in die Philosophie und in die Neurobiologie. Man möchte wieder mehr spielen und das gelingt auch, ohne dass man was kaufen muss. Gleich jetzt!

 

Gerald Hüther, geboren 1951, ist Neurobiologe und Autor; sein wissenschaftlicher Schwerpunkt ist u. a. der Einfluss früher Erfahrungen auf die Hirnentwicklung. Seine Vorträge sind mitreißend, seine Bücher machen Mut.

Christoph Quarch, geboren 1964, ist Philosoph, Autor und Berater, er gilt als Vermittler einer alltagstauglichen philosophischen Lebenskunst und Ethik für die Welt und wohl auch für die Menschen von heute.

 

 

Gerald Hüther, Christoph Quarch:
Rettet das Spiel.
Weil Leben mehr Funktionieren ist.
München: Hanser Verlag 2016.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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