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Das Talent für das Gleichgewicht der Apfelbäume

Die Geschichte des Postboten, eigentlich eine Episode in dessen Leben, umrahmt die Liebesgeschichte von Ezio und Giovanna. Zwei Liebende, die sich in ihrer Jugend trennten, einander vergessen wollten und sich doch immer nacheinander sehnten. Ezio, der mit seinem Bruder am Meer steht, sieht Giovanna Berlucchi: Eine schöne Frau, die gerade mit ihren Schwestern um einen Badeanzug gestritten hatte und nun, bereits vor der Erfindung des Bikinis in einem Zweiteiler am Strand stand.

Es war Juli 1945. Knapp drei Monate nach der Befreiung Italiens und zwölf Monate vor der Erfindung des Bikinis.

Die Erzählung springt zwischen den jungen Leuten am Strand, der alten Frau und dem alten Mann, ihren unerfüllten Träumen hin und her. Ezio ist unglücklich gewesen, hat die Geliebte verlassen und hat die meiste Zeit seines Lebens als Apfelpflücker gearbeitet, eine Frau hatte er nie gehabt. Von Süditalien nach Südtirol ist er gereist, dorthin, wo sich die Italiener und die Südtiroler gegenüberstanden. So erkennt der junge Mann, dass man weder Liebe noch Kultur einem anderen aufdrängen kann. So, wie die schöne Giovanna seine Liebe abgelehnt und sich nur nach Freiheit gesehnt hatte, so lehnten die Südtiroler die andere Kultur ab. Ezio hat in Bozen als Apfelpflücker angefangen, hat dort die Sorte „Morgenduft“ geerntet. Hier lernt der junge Mann auch, Apfelbäume zu pflegen, wird in die Kunst des Obstbaumschnittes eingeweiht, immer wieder beschwört der Bauer neben ihm „Gleichgewicht, darauf kommt alles an.“ Es sind gute und es sind einsame Jahre. Auch Giovanna leidet, fordert von ihren Liebhabern, dass sie sich nie in sie verlieben dürfen, lehnt Ehe und Kinder ab. Doch dann wird sie, vom Falschen, schwanger, kehrt nach Hause zurück und verliert ihr Kind. Noch immer liebt sie Ezio, aber einen Brief zu schreiben, fühlt sich falsch an. Da kommt ein Brief, er sollte doch beantwortet werden, aber noch immer fehlen die Worte.

Alles war vergangen: ihre Jugend, der Glanz ihrer Haut, ihre Rundungen. Doch Ezio wusste, dass die Jahre auch ihn erledigt hatten, dass seine Augen nicht mehr strahlten und dass Giovanna und er nie wieder in fünf Viertelstunden nach San Cataldo gehen konnten.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie dieses Buch lesen: Humor, die Geschichte des Bikinis, eine feine Liebesgeschichte und den Duft frisch geernteter Äpfel, einen Streifzug durch die Geschichte Italiens.

 

Der Autor wurde 1981 in Bombay geboren, ist niederländischer wie indischer Herkunft, er lebt in Südtirol.

 

 

Ernest van der Kwast:

Fünf Viertelstunden bis zum Meer.

Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke.

Hamburg: mare Verlag 2015

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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