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Das Unmögliche leben

Nein, da ist mir kein Rechtschreibfehler passiert, das meine ich genau so: Der vorliegende Bildband führte mich ins Maira-Tal in den Cottischen Alpen, wo nur die Widerständigsten geblieben sind. Also dort geblieben sind, um ein gutes Leben in dieser Unmöglichkeit zu führen. Es sind nach der großen Abwanderung wieder neue BewohnerInnen dazugekommen, die die Kultur weiterschreiben, doch nicht gerade neu oder gar besser machen wollen.

Valle Maira – ein verlassenes Tal? Die Antwort geben die Schwarz-Weiß-Fotos, die im ersten Buchkapitel hauptsächlich Abgenutztes zeigen: einen alten Stuhl, eine ungerahmte Fotografie eines Paares an der abgeschlagenen Wand, einen Hut, den jemand genommen oder doch bloß vergessen hat. Es ist einsam hier, aber noch nicht verstört. Dann überrascht das erste Porträt eines Bewohners, eines Künstlers, eines Aussteigers, der lieber am Land lebt, als sich in der Stadt für Geld zu verbiegen. Ein kleines Klischee, natürlich, auch das, aber ein gutes, kleines Klischee, das hier einen Mann in seinem reduzierten Umfeld gut ausleuchtet. Und als nach dem Künstler schließlich die Ziegenhirten und Käser die Bilderfolgen betreten, sucht man schnell nach der Reiseroute in dieses Tal. Nur einmal vorbeischauen vielleicht.

Wer vegan isst, muss sich dort vermutlich mit Gräsern begnügen, alle schwärmen vom Zickleinbraten, vom guten Käse und der Käserei: Frauen und Männer, eine Töpferin erzählt von der Aufzucht der Tiere und vom Bestellen des Landes, von der Arbeit mit den Händen und natürlich auch mit dem Kopf. Aber das sagt man dort wohl nicht, das versteht sich von selbst. Bunter wird’s mit jedem Umblättern, denn jetzt kommen die Porträts der Bergführer und Campingplatzbesitzer.

„Hier gibt es keine Zeitpläne. Die Regeln werden von der Natur diktiert, und man muss sie ganz genau befolgen. Man muss alles rechtzeitig organisieren und bedenken. Das Holz für den Winter muss weit im Voraus gemacht werden, damit es richtig trocken ist, wenn im Winter eingeheizt werden soll.“

 

Was man versäumt, wenn man das Buch nicht liest: Kunstgenuss, Ruhe, Kennenlernen von Persönlichkeiten, die sich im Tun und nicht im Reden finden, Freude, selber wieder zu fotografieren, Bilder, mit denen man übers Leben nachdenken kann.

Die, die neu hinzugezogen sind, die, die schon alteingesessen sind, ergänzen sich. Hier leben keine Bobos auf Selbstfindungstrip, sondern echte Menschen, die sich auf das Tal eingelassen haben, die ihre Kinder hier groß werden sehen, die mit ihnen muszieren, sie in die Schule schicken, in die mit der Tafel und die große des Lebens.

Ich bleibe im Valle Maira.

Lebensperspektiven in einem rauen Land.

Rotpunktverlag.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

Kommentare

One thought on “Das Unmögliche leben”

  1. Jörg Waste sagt:

    Einen herzlichen Dank für die wunderbare Buchbesprechung!

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